Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1930-03-01 · Heft 3-4 (März 1930) · p. Seite 130

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 3-4 (März 1930)
Article
Das Heldenlied von der Nadel
Date
1930-03-01
Page
Seite 130 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2912821-2912900-2912903-2924918--08831-2925054
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

130 MENORAH wurden befriedigt. Das ermutigte die ganze Damenschneiderindustrie und gab ihr das Rückgrat, um die nachher einsetzende Panik zu überstehen. Die Gewerkschaft unternahm zur Zeit der Krise einen bedeutsamen Feldzug und es gelang ihr, im Jahre 1908 das Geschäft wieder zu erobern und in der folgenden Zeit zu erhalten und auszudehnen. Damit war der Weg für eine zweite Überraschung geebnet. 1909 ließ eine kleine lokale Gewerkschaft den Ruf zum Streik ergehen. Man hofTte auf höchstens dreitausend Teilnehmer. Statt dessen kam der berühmte Aufstand der Zwanzigtausend". Gefühlsmäßig getrieben, verließen damals zwanzigtausend größtenteils jüdische junge Mädchen die Werkstätten. Ihre zweitausend Delegierten versammelten sich und hörten stundenlang geduldig langwierigen Erörterungen zu. Plötzlich erhob sich ein blutjunges Judenmädchen und verlangte den Generalstreik. Begeistert jubelte man ihr zu. Der Führer aber war vorsichtig. Es handelte sich um junge Mädchen, zum größten Teil Neuankömmlinge. Würden sie auch durchhalten? Er fragte: Wollt ihr auch wirklich die Treue halten? Dann schwört den alten jüdischen Schwur!" Zweitausend Arme hoben sich, zweitausend Stimmen sprachen im Chor: „Wenn ich die Sache verrate, der ich hier schwöre zu dienen, so verdorre meine Rechte!" Nun war er seiner Sache sicher. Jetzt gab es kein Zurück. Niemals zuvor hatte es einen solchen Streik unter weiblichen Arbeitern gegeben. Die Öffentlichkeit ergriff Partei für sie gegen die Inhaber der Schwitzbuden, und die Gewerkschaft erfocht einen großen Sieg. Fünf Monate später folgte der ,,Große Aufruhr" der Mantelschneiderinnen, der erbittertste Kampf, der je von Frauen geführt wurde. Es war ein ganzer Rattenschwanz neuer Übel, der sich zu den altvertrauten gesellt hatte und nun diesen großen Aufruhr auslöste. Die großen, deutschjüdischen Fabriken waren durch übermäßige Regiekosten zugrunde gegangen und es herrschten jetzt die kleineren Werkstätten der russischen und polnischen Juden vor. Die früheren großen Häuser hatten französische Modelle und Methoden eingeführt, hatten in Brodway vornehme Verkaufsräume innegehabt. Die neuen kleinen Fabrikanten siedelten sich aber im Eastend an, arbeiteten nach eigenen Modellen, hielten keine Mannequins, suchten die billigsten Arbeitskräfte. Bald hatten die ,.Motten des Ostens" die ,.Riesen des Westens" verschlungen. Auf das Los der Arbeiter hatten diese „Motten" einen sehr un-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.