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Menorah · 1930-03-01 · Heft 3-4 (März 1930) · p. Seite 129

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 3-4 (März 1930)
Article
Das Heldenlied von der Nadel
Date
1930-03-01
Page
Seite 129 (sequence 3)
Language
German
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DAS HELDENLIED VON DER NADEL 129 Wir übergehen die Einzelheiten in den Bemühungen der Neunzigerjahre, durch die nach vielen Fehlschlagen schließlich doch große Organisationen geschaffen wurden. Als das neue Jahrhundert anbrach, fühlten die jüdischen Massen in der Bekleidungsindustrie, daß der gemeinsame Weg durch die Wüste endlich offen vor ihnen lag. Zwar waren Schwitzbude und Elendquartier, diese Knechtschaft des neuen Ägypten, noch nicht abgeschafft; Ströme neuer Einwanderer kamen aus Osteuropa und Elend und Jammer setzten sich fort und fort. Aber der Weg. der sie aus alldem hinausführen sollte, lag doch klar vor ihnen. Die jüdischen Massen der Bekleidungsindustrie waren in Organisation begriffen. Unter der Führung der radikalen Intellektuellen, die ihnen während der ersten Streiks beigestanden hatten, fanden sie den richtigen Weg. In dieser Frühzeit hatten die Gewerkschaften natürlich ihre mageren Jahre. Wenn man heute zurückblickt auf diese Periode, lächelt man häufig genug über den provinziellen, kleinlichen Zuschnitt der Gewerkschaften. Im Jahre 1901 enthält das Ausgabenbuch der Gewerkschaft der Internationalen Damenschneider einen Posten: vier Cents für Briefpapier. Im Jahre 1903 spendete die Union einen Betrag von sage und schreibe zehn Dollar für Morris Braff, „für die der Union geleisteten Dienste". Morris Braff war damals ein junger Student, sein Vater der Sekretär der Union. Und Morris verbrachte seine Abende damit, die in zweifelhaftem Englisch geschriebenen Schriftstücke seines Vaters zu verbessern und mit literarischen Anspielungen zu schmücken. Nur jüdischer Mut, jüdischer Optimismus war es, der diese Union am Leben erhielt und sie kräftigte, so daß sie die Kämpfe der Jahre 1907 bis 1910 bestehen konnte, als drei riesige Beben die Industrie bis auf die Grundfesten erschütterten und die Kraft der Gewerkschaft erprobten. Im Jahre 1905 waren eine Reihe von jüdischen Intellektuellen in die Werkstätten eingedrungen. Es waren nicht ,,Jeschiwa Bocherim" wie die ersten, sondern radikal eingestellte Menschen — Flüchtlinge der russischen Revolution. Sie predigten Aufruhr und halfen mit, die latente Unzufriedenheit der Arbeiter herauszukristallisieren. 1907 streikten die Mantelschneider in Massen, unter der Führung eben dieser Radikalen. Der Streik dauerte neun Wochen. Der Mut und die Entschlossenheit der Führer brachten vollen Erfolg: alle Ansprüche

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