Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 128 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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128 ME N ORAH wen und Griechen waren, bildete eine schier unüberbrückbare Schwierigkeit. Selten wurde einer der fremden Arbeiter ein Aktionär. In den Schneiderwerkstätten aber standen Meister und Arbeiter einander viel näher, waren sie doch beide Juden. Auch stellte der Arbeitgeber keineswegs einen Millionär von altem Reichtum dar, so wenig die Arbeitnehmer armselige, knechtschaftgewohnte Sklavenseelen waren. Es war noch nicht lange her, daß die Meister selbst Arbeiter gewesen waren, und es sollte nicht lange dauern, so hofften die Arbeiter, bis sie selbst Unternehmer sein würden. In der Bekleidungsindustrie waren Leiden und Kämpfe nicht auf eine Klasse beschränkt, sie erfaßten gleich die ganze Gruppe. Die „Lieferanten** drangsalierten die Arbeiter, gewiß, aber sie plagten sich selbst und ihre Familie nicht minder. Wenn auch die Arbeiter sich über brutale Ausbeutung beschwerten, es bleibt doch wahr, daß die Unternehmer in der Bekleidungsindustrie wie in keiner andern den ,,Wunsch und den Willen hatten, die Industrie so zu gestalten, daß ihre Kinder sich der Väter nicht zu schämen brauchten". Es gab wohl eine gewisse Ausbeutung, aber die Gruppe bildete doch ein so geschlossenes Ganzes, daß ein Teil unmöglich leiden konnte, ohne daß es der andere spürte, ohne daß es sein Gewissen beiastete. Wenn die Gewerkschaftsführer mit ihren Forderungen zu den Unternehmern kamen, fanden sie häufig Verständnis und Mitgefühl, den guten Willen mitzuarbeiten und zu helfen, so wie es in keiner anderen Industrie der Fall war. Ferner kam es oft vor, wenn in einem Kampf zwischen Arbeitern und Unternehmer ein Punkt erreicht war, von dem aus es kein Vorwärtskommen zu geben schien, daß jüdische Helfer von außerhalb den Ausweg fanden. Es ist richtig, daß die Bekleidungsindustrie als eine städtische dem Publikum und somit der öffentlichen Meinung deutlicher vor Augen stand als ferne Bergwerke oder ländliche Fabriken. x\ber auch die Fleischkonservenindustrie und die Textilindustrie sind in den Städten konzentriert, die Stahlindustrie beherscht Pittsburg, und keine dieser Industrien fand die mächtige Unterstützung in der öffentlichen Meinung, wie sie die Bekleidungsindnslrie bei den jüdischen Mitbürgern fand. Was die Schneider in ihren ersten Streiks erreicht hatten, ging während der furchbaren Panik des Jahres 1893 wieder verloren. Aber ihre Führer, die jüdischen Intellektuellen, blieben ihnen treu, und nach zwanzig Jahren der Kämpfe in der Wüste gelang ihnen endlich die Schaffung einer bleibenden Organisation und ein Blick ins gelobte Land.