Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. Seite 85

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Article
Vom Geist der Synagoge
Date
1930-01-01
Page
Seite 85 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912900-2912902-2924694--08732-2924858
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

VOM GEIST DER SYNAGOGE 85 mor, die Stätte der Gesetzeslesung, als den natürlichen Brennpunkt des Hauses betrachtet. Aber beide zielen nicht auf das Gebet, sondern vielmehr auf das Gesetz und stellen deshalb den Lesepult in die Mitte. Beide sehen im Tempel die Synagoge, das Haus der allgemeinen Versammlung, und bauen deshalb den Saal, den einfachen, von jeder Stelle überblickbaren und durchsichtigen Raum. Dieser Saalbau ist, als Formergebnis, am allerwichtigsten. Denn er bedeutet endlich und hoffentlich auch endgültig eine reine, jüdische Raumform, die im gleichen Sinne auch auf das Gehäuse wirken wird. Hält die Entwicklung die hier grundsätzlich festgelegte Richtung ein, dann wird künftighin der Tempel nicht nur ein vom Memor sinnvoll zentralisierter Saalraum, sondern auch in seiner äußeren Erscheinung nur ein Saalmnntel sein, wodurch dem deplacierten Spiel mit Kuppeln, Türmen und anderein Unfug der Boden völlig entzogen wäre. Aber der Holländer will — mit den Mitteln des farbigen Lichtes — die mystische Wirkung. Der Wiener dagegen spricht es geradezu aus, der jüdische Tempeldienst habe mit Mystik nichts zu tun. Hier vor allem scheint ein unvereinbarer Widerspruch gegeben. Man könnte ihn schon durch den Hinweis entkräften, daß dann tatsächlich beide Künstler zu sehr klaren und konkreten Raumgestalten gelangen, ja daß der Wiener, dieser prinzipielle Gegner des Mystizismus, einen Raum von gefühlvollerer Atmosphäre schafft als der Holländer mit seinem sorgfältig komponierten und gesteigerten Lichtzauber. Denn der Wiener ist in allem intim konzentriert, der Holländer dagegen auf reine, aber auch stattliche Wirkungen gerichtet. Doch auch damit ist noch nicht das Letzte gesagt. Man wird, da es ja hier um den religiösen Inhalt geht, die verschiedenen Ursprünge der Gemütsbewegung beider Künstler aufsuchen müssen. Für den Holländer gibt es da von vornherein keine Frage, er ist sofort, auch mit der Seele der Sache, völlig eins. Denn er kommt aus einem Milieu, wo das Rituale nicht nur Form, sondern auch Kundgebung des Glaubens ist. Man lese daraufhin in seiner Schrift jene Stellen, die von der festgesetzten Schönheit, Wahrheit und Größe unserer Religion berichten. Da wechselt seine Sprache den Stil und Ton. Sonst knapp und rationell, erhebt sie sich hier zum Bekenntnis. Für diese sichere, rein jüdische Gläubigkeit ist das Symbol nur Mittel zur Verwirklichung des Mysteriums. Die religiöse Bewegung des Wieners macht halt beim Symbol. Er hat es nicht leicht. Er muß die Art und den Sinn unseres Rituales erst näher erkunden. Aber nachdem er das, durch Umfrage, For-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.