Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Vom Geist der Synagoge
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912902-2924694--08728-2924854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
VOM GEIST DER SYNAGOGE 81 Purpurholz bei den Sitzreihen der Gemeinde — und Angaben über den Marmor des Flurs und Gewändes. So berichtet der holländische Künstler von dem Gedankengang und der Verwirklichung seines Baues. U nd so der Wiener Hugo Gorge, einer der preisgekrönten Entwerfer des neuen Tempels für Hietzing: Das Charakteristische der alten Synagogen — dies ist der Ausgangspunkt seiner Meinung — bestand darin, daß das ewig Gleichbleibende, von allem zeitlichen Wandel Unveränderliche des jüdischen Gottesdienstes auch in der baulichen Anlage ohne Rücksicht auf ihre Erbauungszeit zu vollem Ausdruck gelangte. Das Wesen des jüdischen Gottesdienstes liegt in der Vermittlung der Heiligen Schrift durch das Vorlesen der Thora. Deshalb befindet sicn in allen alten Synagogen der erhöhte Vorleseplatz (Almemor) in der Mitte des Betraumes, um den sich als geistigen und räumlichen Mittelpunkt die Sitze anordnen. Dieser Vorleseplatz ist gewöhnlich durch ein Gitter abgeschlossen, an welchem herabhängende Lampen angebracht sind. An der Ostwand des Betraumes steht die Bundeslade, in der die Thorarollen aufbewahrt werden. Sie war nach der Beschreibung, die im Exodus von ihrer Herstellung gegeben wird, eine tragbare Truhe mit Handhaben. Es entspricht daher nicht der alten Tradition, sie als fest eingebauten Wandschrank auszubilden. Wenn auch heule nicht mehr die Vorbedingungen für das Mitführen der Bundeslade gegeben sind, sollte doch als Symbol die alte Form beibehalten werden. Um die Aufbewahrungsstelle der Bundeslade gruppieren sich die rituellen Lampen und Lichter. Der Almemor mit den Lampen hat den Raum, der im übrigen ■— Gorge spricht von seinem Entwurf — durchaus sachlich als Saal behandelt ist, seinen Charakter zu geben. Jeder Anwesende nimmt in gleicher Weise am Gottesdienste teil, bis auf die Frauen, die vollständig gesondert den Frauenraum betreten müssen, der nur durch kleine Öffnungen und Gitter den Blick nach dem Männersaale gestattet. Die Bundeslade soll niemals dem Eingang gegenüber aufgestellt sein, damit sie nicht gesehen wird, bevor sich der Eintretende in der Synagoge befindet. Alte Zeremonien, wie die Umzüge mit der Bundeslade, der Aufbau der Laubhütte im Freien, die Hochzeitsprozessionen, das Beten unter freiem Himmel nach Eintritt des Neumondes und anderes, spielen im Rituale eine wichtige Rolle. Daher ist die Schaffung von abge-