Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Was nicht in die Zeitung kam
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 1× ep/1000834
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WAS NICHT IN DIE ZEITUNG KAM 49 Forderung, der Residenzpresse durch die Preßverwallung vorzuschreiben, sich auf die Wiedergabe der offiziellen Berichte zu beschränken. Der neue Chef der Preß Verwaltung, Fürst Wiasemskij, lud die Chefredakteure zu sich, um ihnen mitzuteilen, daß bei der gegenwärtigen aufgeregten Stimmung des Publikums die Verbreitung von Nachrichten über Pogrome durch die Presse eine weitere Erregung und Steigerung der Volksloidenschaft hervorrufe, die ohnehin im Süden Rußlands exaltiert sei. Die Erzählungen von wilden Ausschreitungen des Pöbels, von dessen Gier nach Beute, von der allgemeinen religiösen Bewegung reizten die schlimmsten Instinkte der Bauern- und Arbeiterbevölkerung und dies würde von revolutionären Propagandisten dazu benutzt, um dem dunklen Volke zu predigen, ,,der Zar habe befohlen, gegen die Juden und die Pany (polnische Gutsbesitzer) vorzugehen, diese hätten den Zaren ermordet". Nachdem ich das mir vorliegende Material durchstudiert und die Vorhersage des Dr. Stöcker im ganzen Umfange bestätigt sah, kam ich zu der felsenfesten Überzeugung, daß der erste Anstoß zu den Pogromen ausländischen Ursprungs sei. Ich konnte es nicht mehr als Zufall betrachten, daß der „Jelisawetgradskij Westnik" am Vorabend des jüdischen Osterfestes einen Artikel über rituelle Morde" gebracht und damit den Boden für den Pogrom in Jelisawelgrad vorbereitet hatte; daß der ,,Noworossijskij Telegraph" offen erklärte, daß man in Odessa zu Ostern gegen die Juden losgehen werde, daß der „Kiewl janin" nicht weniger offen den Kampf gegen die Juden bis zu deren voller Vernichtung predigte. In einem scharfen Artikel brachte ich alles das, was mich seelisch bewegte, in meinen „B i r s chew y j a Wcdomost i" zum Ausdruck und schrieb unier anderem: „Die Pogrombewegung im Süden ist eine von auswärts verpflanzte Erscheinung. Die bedauernswerten Jelisawelgrader Vorgänge sind unbedingt ein Echo der Neu- Ruppiner Vorgänge. Dort und hier wirkten hinter den Kulissen dieselben dunklen Kräfte. Der Anfang war gegeben und die Bewegung verbreitete sich von selbst. Die merkbare Verschiedenheit in der Haltung der Verwaltungsbehörden des Südens gegenüber den Ausschreilungen bildet eine Anomalie. In einem und demselben Lande muß es Einheitlichkeit in der Verwaltungspolitik geben. Die zentrale Regierungsmacht muß Autorität nicht nur bei den Bürgern, sondern auch gegenüber den ausübenden lokalen Behörden haben. Die Welle der Pogrome dauert an, und es wird keine Ordnung geben, bevor nicht die Maßregel getroffen wird, daß die Gouverneure der Provinzen, in denen Pogrome stattfinden, auf ihre Verabschiedung gefaßt sein müssen. Heule die Juden, morgen die Polen und daraufhin die Gutsbesitzer und überhaupt die besitzenden Klassen. Schon werden unter den Bauern Gerüchte von einer ,goldenen Urkunde5 verbreitet, von einem Befehl des Kaisers, den Boden der Gutsbesitzer aufzuteilen. Es ist gefährlich, mit dem Feuer zu spielen." Noch in derselben Nacht, es war gegen drei Uhr, wurde ich durch das Erscheinen eines Gendarmerierittmeisters geweckt, der mir eine ,,Einladung" überbrachte, um elf Uhr vormittags mich beim Direktor des Departements der Staatspolizei Wiatscheslaw Konstantino witsch von Plehwe einzufinden. Der Rittmeister blieb gleich da und ließ mich nicht einen Augenblick allein, aufpassend, daß ich auch nicht ein Stückchen Papier vernichte, niemand spreche und auch niemandem schreibe. Gegen elf Uhr brachte er mich ins Departement. Es vergingen weitere drei Stunden bis ich aufgefordert wurde, ins Zimmer des Direktors einzutreten. Das war das gewohnte Gendarmensystem, um die Nerven des Beschuldigten möglichst zu zerschlagen, bevor es zum Verhör selbst kam. Plehwe empfing mich stehend. — Ich bin in der unangenehmen Lage, Ihnen zu erklären, daß das Erscheinen Ihrer Zeitung eingestellt werden soll und daß Sie aus Petersburg verwiesen werden.