Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Was nicht in die Zeitung kam
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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48 MENORAH wurde, eine Zeitung zu lesen, setzte ich mich in Annaberg in den Zug und reiste mit eintägigem Aufenthalt in Berlin nach Petersburg zurück. Noch auf dem Wege nach Petersburg las ich Berichte über Judenpogrome, abwechselnd in der einen oder der anderen Gegend Bußlands. Es fiel mir auch eine deutsche Zeitung in die Hand, die mit besonderem Behagen die Zustände in Neu- Ruppin schilderte. Ich erinnerte mich an die Worte des Predigers Slöcker. In der Redaktion meiner Zeitung fand ich einen Haufen von Privatbriefen. In einem offenen Umschlag, auf dem genau die auf meiner alten Visitkarte bezeichnete Anschrift war (da ich auf der Reise keine neuen deutschen Karlen mitführte, hatte ich Dr. Slöcker eine Visitkarle, die noch aus der Zeit beim ,,Herold" stammte, gegeben), lag ein mit großen Buchstaben auf schlechtem Papier gedruckter Aufruf: ,,Aufruf an die Christenheit! Wachet auf, ihr Christen alle, und schüttelt ab das Judenjoch. Treibt sie heraus nach ihrem Palästina, die Unterdrücker der Christenheil; sammelt, sammelt euch. Zu Hilfe alle aus den Dörfern und Städten, alle insgesamt. Haut die Juden, haut die Hunde, haut die Betrüger, stürmet die Höllenbrut. Fürchtet nichts, ihr unterjochten Christen, denn ein guter Held geht uns voran. Nun, so seid nicht feige, es gilt nur zu retten unser bißchen Hab und Gut. Raus mit den Juden. Bismarck lebe hoch. Dr. Henrici lebe hoch. Dr. Stöcker lebe hoch." Ähnelt dieser Aufruf nicht den wilden demagogischen Reden des Lenin vom Balkon der Kscheschinskaja in Petersburg sechsunddreißig Jahre später? Man ersetze die Worte „Juden" durch „Bourgeoisie", „Christen" durch das „Arbeiterproletariat". Die spätere Losung der Bolschewisten: „Raubet das Geraubte" lautete in der Sprache derer um Stöcker: „Rettet euer Hab und Gut." Ich hatte meine Reise angetreten, als Loris-Melikow noch Minister des Innern war, in einer Periode einer relativen Freiheit der Presse; ich kehrte zurück nach der Veröffentlichung des ominösen Manifestes über die Aufrechtcrhaltung der selbstherrlichen Gewalt, und als Minister des Innern figurierte Graf Ignatjew, der einstige Botschafter in Konslantinopel, in der inneren Politik bisher ein leeres Blatt. Den ersten Bericht des Grafen Loris- Melikow über den Judenkrawall in Jelisawelgrad versah der neue Kaiser mit der Randbemerkung „sehr betrübend"; auf die Berichte des Grafen Ignatjew über die fortlaufende Serie von Pogromen setzte er die lakonisch trockene Bemerkung „gelesen". Die Gegenüberstellung dieser beiden Randbemerkungen spricht Bände. Das Bild der Pogrome, soweit dasselbe aus den Zeitungsberichten und Privatbriefen zu ersehen war, war ein schauderhaftes. Doch am schauderhaftesten war die bereits klar ersichtliche Stellung der lokalen Behörden zu ihnen. Wirkliche Verhinderungsmaßregcln wurden nur von zwei Generalgouverneuren ergriffen: dem Wilnaschen, General Graf Totleben, und dem Charkower, Fürst Swiatopolk-Mirskij. Der Odessaer Generalgouverneur, Fürst Dondukow-Korsakow, verhielt sich indifferent, gestattete der Militärmacht Sicherheitsmaßregeln nicht vor, sondern erst nach dem Pogrom zu ergreifen. Der Kiewer Generalgouverneur, Generaladjutant Drenteln, war den Pogromen im Innern seines Herzens sympathisch gesinnt und beantwortete den Vorschlag des Innenministers ablehnend, in dem von ihm verwalteten Gebiet den Kriegszustand zu proklamieren. Auf den weiteren Vorschlag des Ministers, rechtzeitig Militär in die Ortschaften zu senden, wo Pogrome erwartet würden, antwortete Genend Drenteln: „Es würde die ganze russische Armee nicht ausreichen, um in alle Ortschaften Militär zu senden, die darum bitten." Als derselbe General Drenteln zu befürchten begann, idhß die Presse sein Verhalten gegenüber den Pogromen enthüllen und verwerflich finden könnte, wandte er sich an das Departement der Staatspolizei mit der