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Menorah · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. Seite 50

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Article
Was nicht in die Zeitung kam
Date
1930-01-01
Page
Seite 50 (sequence 4)
Language
German
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50 MENORAH Aus Ihren Worten entnehme ich, daß dies alles noch geschehen soll, und was noch nicht erfolgt ist, kann ja noch abgeändert werden. Welches sind die Ursachen, daß gegen mich und meine Zeitung derart harte Maßregeln ergriffen werden sollen? Plehwe schaute mich prüfend an, bat mich, Platz zu nehmen und ging zu dem gestern erschienenen Artikel meiner Zeitung über. — Sie haben sich über die Verordnung hinweggesetzt, welche auf meine Bitte von dem Chef der Preßverwaltung den Zeitungsredakteuren mitgeteilt wurde, sich der Äußerungen über die bedauernswerte Erscheinung der Pogrome im Süden zu enthalten, und haben sich außerdem erlaubt, unzulässige Ansichten über das Verfahren der lokalen Behörden auszusprechen. Es sind kaum drei Tage, daß ich mich nach fünfwöchigem Aufenthalt im Auslände wieder in Petersburg befinde, und deshalb ist es unmöglich, daß ich auf der von Ihnen angedeuteten Redakteurversammlung zugegen gewesen wäre und die dort gemachten konfideiiliellen Andeutungen gehört hätte. Was die mir anhängig gemachte konkrete Beschuldigung anbelangt, bitte ich um die Erlaubnis, mich zur Sache aussprechen zu dürfen. — Ich bitte darum. Ich begann von meinem Zusammentreffen mit Dr. Stöcker zu erzählen, ging dann auf dessen Vorhersage über, die Anlaß zur Vermutung gebe, daß der erste Anstoß zu dien Pogromen aus dem Auslande komme. Diese Erzählung interessierte Plehwe ersichtlich sehr. Er wurde womöglich noch aufmerksamer, als ich von dem nach meiner Rückkehr auf dem Schreibtisch gefundenen deutschen Aufruf sprach, der unzweifelhaft aus der Umgebung des Predigers Stöcker stamme. Denn wer anders konnte in Deutschland meine alte Adresse noch aus den Zeiten des „Herold" besitzen? Ich versprach, das Original des Aufrufs beizubringen. Daraufhin sprach ich von der Aufregung, in der sich die russische Kaufmannschaft befand. In Telegrammen auf den Namen des Finanzministers und des Ministers des Innern — die Kopien dieser Telegramme waren meiner Redaktion zugestellt — sprach das Moskauer Börsenkomilee seine Befürchtungen aus, daß die bevorstehenden Jahrmärkte in Romny, Charkow und Poltawa große Insolvenzen mit sich bringen würden. Die Moskauer Kaufmannschaft besiehe aber, wie bekannt, keineswegs aus Juden. Man könne nicht gewaltsam Handelsfäden einzelner Teile des Reiches zerreißen, ohne daß nicht die Handelswelt des ganzen Rußland ins Schwanken gerate. Unser Gespräch dauerte bereits über eine Stunde. Von den Pogromen ging es zu den Bedingungen über, unter denen die Presse arbeilet und darauf zur allgemeinen politischen Lage. Plehwe lud mich die ganze Zeit zum Sitzen ein, aber ich weigerte mich, Platz zu nehmen. — Weshalb setzen Sic sich nicht? Sie zwingen mich, ebenfalls zu stehen oder im Zimmer auf- und abzugehen. Ich möchte offen sein. Mir wurde erzählt, daß in dem Zimmer der 3. Abteilung — und das ist ja jetzt Ihr Departement der Staatspolizei — sich ein Sessel befindet, welcher plötzlich versinkt, und dort unten wird an dem Betroffenen eine außerordentlich unangenehme und schmerzhafte Manipulation vorgenommen. Nachher hebt sich der Sessel und nimmt seinen alten Platz ein. — In diesem Falle, sagte Plehwe lachend, nehmen Sie meinen Sessel, wenn Sie schon so vorsichtig sind. Nein, befreien Sie mich davon. Vielleicht ist Ihr Sessel eben der, von dem erzählt wird. Gestatten Sie, daß ich stehen bleibe. Unser Gespräch nahm unter diesen Umständen eine heitere Form an. Das Erscheinen der Zeitung wurde nicht verboten und ich nicht aus Petersburg ausgewiesen.

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