Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Was nicht in die Zeitung kam
- Date
- 1930-01-01
- Page
- 47 (sequence 1)
- Language
- German
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5. M. v. PROPPER WAS NICHT IN DIE ZEITUNG KAM Mit Genehmigung des Buchverlages der Frankfurter Societatsdruckerei veröffentlichen wir im folgenden ein Kapitel aus diesem aufschlußreichen Buche über das Vorkriegsrußland. Im Frühjahr 1881 fuhr ich für ciaige Wochen ins Ausland und benutzte von der Grenze ab die dritte Klasse. Müde von der schlaflos verbrachten Nacht saß ich in meiner Ecke und nahm keinen Anteil an dem üblichen Reisegespräch. Auf einer Station hinter Königsberg setzte sich ein Mann in den Wagen, der sofort die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, sowohl seines Äußeren als auch seines Redeschwalls wegen, der vom Augenblick seines Eintretens nicht einen Augenblick aussetzte. Er besaß alle Anzeichen eines geschulten Redners. Die Kleidung des Neuangekommenen ließ annehmen, daß er dem geistlichen Stande angehörte. Alter etwa 40 bis 45 Jahre. Von seinem ersten WTorte ab drückte er seine Befriedigung aus, dritter Klasse zu fahren. — Hier fühlt man endlich Deutschland ohne Krummnasige. Ich komme aus der ersten, ich war in der zweiten Klasse. Wen sah ich dort? Juden und Juden. Waren Sie in den Theatern in Berlin? Wo sitzt der deutsche Mann? Auf der Galerie. An Logen und Parkettstühle nicht zu denken; die sind in erblicher Pacht bei den Kindern Israels. In wessen Händen sind die besten Wohnungen? Wen sehen Sie auf 'den Straßen in reichen Wagen und Kaleschen? Orient, Orient und abermals Orient. Und wo finden Sie den deutschen Mann? In den Bierkneipen bei einer Schale Weißbier. Das ist alles, was uns die neuen Herren Deutschlands gelassen. So kann es nicht weiter fortgehen. Die Juden haben ihre Alliance Israelite Universelle. Auch wir müssen uns zu einem Bund zusammenschließen und den frechen Eindringling zusammenschmeißen. Ich fahre nach Neu- R u p p i n. Dort gibt es Männer, echte Männer. Von dort aus, denken Sie an meine Worte, wird der Ruf in die Welt ergehen. Ich nahm eine russische Zeitung vor. Der Unbekannte adressierte seine Rede nunmehr direkt an mich. Auf die bei Reisen übliche Frage antwortete ich, daß ich aus Petersburg komme. Ich nannte meine Profession, erhielt seine Karte und gab die mein ige. — Sie haben noch ihren Loris-Melikow. setzte er seine Rede fort, der will den Schlüssel zur Tür finden, hinter der man in Rußland klugerweise die Juden hält. Er wird seinen Hals recht bald brechen. Die Juden in Rußland sind daran, ihren Kopf aufzurichten. Dies wird ihnen nicht wohl bekommen. Wir sind nicht ohne Nachrichten von dort. Unsere Hände reichen weit. Wenn die ersten Beitfedern fliegen, da werden die Juden auch verstehen lernen, wo ihr eigentlicher Platz ist. Und die Bettfedern werden in Rußland bald fliegen. Dort haben die Vorbereitungen schon begonnen. Vor Berlin, auf der Station Frankfurt an der Oder, stieg er aus. Ich blickte auf die Karte: Dr. Adolf Stöcker, Hof- und Dompredi<jer, Berlin. Ich hatte keinen bestimmten Reiseplan. Geistig übermüdet, hatte ich nur den einen Wunsch, einige Wochen keine Zeitungen zu sehen. Einer plötzlichen Intuition folgend reiste ich von Petersburg direkt, ohne mich irgendwo aufzuhalten, nach Ratibor in Schlesien, und von dort begab ich mich am nächsten Tage ins Dorf Kreuzenort in der Nähe der Besitzung des Prinzen Lichnowsky. Weder Post, noch Telegraphenamt, noch Zeitungen. In diesem weltabgeschiedenen Ort verbrachte ich fünf Wochen. Es war die beste Erholung, die man sich denken konnte. Den ersten Tag, als in mir der Wunsch wach