Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Der kleine Ahasverus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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DER KLEINE AHASVERUS 45 war, das die Sünder knüllte und ihnen Schillinge gab, ein Mann mit groben Widersprüchen in seinem Wesen, überlieferte sie nämlich einem herrlich großen Schutzmann oben auf der Straße, der Schwesterchen turmhoch über allem Verkehr und Lärm auf dem Arm trug und Leo das Ende seines Knüppels zu halten gab, damit er mitfoigen konnte. Es fing an dunkel zu werden, und die kürzlich angezündeten Laternen vermischten ihr schwaches Licht mit dem Glanz des Abendhimmels. Die Stadt lag in ihrer ganzen feenhaften Beleuchtung da, unwirklich wie ein Traum, ein herrliches Luftgebilde und doch reeller als irgend eine andere Stadt der Welt. An einer Stelle sah Leo einen hohen schmalen Palast, der die anderen Häuser überragte, mit tausend leuchtenden Fenstern, die sich oben in dem klaren, grünlichen Himmel verloren. Er wölbte sich zur Straße, wie der hohe Bug eines Schilfes, und weit oben, wo er einen Absatz bildete, ging er in eine noch höhere turmartige Fortsetzung über. Dieses Wunder, das er nie wieder vergaß, war New York Times Building. Und so wie Leo an jenem Abend New York sah, mit erwachendem Zutrauen in seinem Herzen, wurde der erste Grund zu einer Abenteuerstirnmung gelegt, die nicht mehr aus der Ferne winkte; der kleine Ahasverus war im Begritf heimzukommen. Es ging im Triumph zum nächsten Kinderasyl, wo die beiden ,,baby tranips" mit größter Festlichkeit als lang erwartete Bekannte in Empfang genommen und anderen Kindern aller möglichen Nationalitäten zugesellt wurden, die sich auch verirrt hatten. Leo zog sich mit Schwesterchen in eine Ecke zurück und teilte seine Zwiebel mit ihr, die noch unberührt war. Er fühlte, daß Aufbewahrung von Vorrat jetzt nicht mehr nötig sei. Ach nein, es wurde herrlich für sie gesorgt, mit Speisen und allem möglichen. Doch soll auch nicht verschwiegen werden, daß die Leute, zu denen sie gekommen waren, sich recht bedauerlich reinlich zeigten, indem sie sich die Mühe machten, sie von einer Balje Wasser in die andere zu schleppen. Aber das Gute und das Böse sind in dieser Welt nun einmal eng vereinigt. Als sie bis abends neun Uhr nicht abgeholt worden waren, wurden sie in einem herrschaftlichen Wagen zur Hauptstation für heimatlose Kinder gefahren und jedes in einem weißen Bettchen mit Stäben einquartiert. Jetzt, da sie schlafen sollten, forderte die Natur ihr Recht, aber darin bildeten sie keine Ausnahme, denn ringsumher ertönten in allen zarten Sprachen Babels Wehklagen von anderen Kin-