Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Der kleine Ahasverus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912902-2924673--08659-2924819- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
46 MENORA Ii dern, die auch unaufhörlich nach ihrer Mutter riefen, bis die Klagen hinstarben, bald hier, bald dort, und der Schlaf sich aller erbarmte. Leo und Schwesterchen wurden jetzt Kinder von New York. Dort sollen sie Wurzel schlagen und dort sollen sie blühen. In diesem Urwald, wo nur die Gesetze für Wachstum und Wärme gelten, sollen sie frei in die Höbe schießen, wie makellose Palmen. Aus Leo, der seine ersten Gehversuche in der neuen Welt als vielversprechender Zeitungsmann machte, wird gewiß einst ein großer Editor werden, der einen Zeitungspalast errichtet, der noch um einen Absatz, noch um einen leuchtenden, lausendäugigen Turm höher als die anderen in New Yorks durchsichtige Atmosphäre hineinragt. Aus Marya aber mit den Medusenaugen und dem kleinen schwellenden Leib wird — die Zeit vergeht, es ist jetzt schon fast so weit — ein weltberühmter tragischer Stern werden, der auf der Bühne durch ihres Wesens unermeßliche Schmerzfülle leuchten wird, in einer Glorie von blutigen Locken, eine gewaltige Darstellerin alles dessen, was auf Erden gelitten werden kann. Und wenn es sie gelüstet, ihr Genie in den Regenbogenfarben der Komödie zu sonnen, wird man sie mit üppig vorgeschobenem Salomonleib, gesund lächelnd, über die Bühne schreiten sehen, den abgehauenen Kopf eines Theaterkritikers auf einer Schüssel. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages S. Fischer, Berlin Aus: Johannes V. Jensen Exotische Novellen"