Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Der kleine Ahasverus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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DER KLEINE AHASVERUS 41 bunk, wo der Tag stets unter einem wandernden Zug von Fabriksrauch wechselte, und dann die liebe Abflußrinne und der Rost unten im Hof, dieses Bild aber, das gleichsam in der Mitte lag, war eingeschrumpft und so fern, daß er es nur wie eine dunkle Zugehörigkeit zu etwas Unbestimmtem, weit, weit draußen in der Welt empfand. Und von diesem Instinkt geleitet, begab Leo sich auf den Weg, faßte Marya mit einem festen Grill' bei der Hand und marschierte drauf los. Die Hauptsache war, daß er sich nicht von Marya zu trennen brauchte, der größte Teil seines Heimwehs war ja mit Schwesterchen verknüpft. Jetzt aber galt es also, Mutter zu gehorchen und Schwesterchen und sich selbst nach Hause in Sicherheit zu bringen. Marya hatte es leicht, sie nagte an ihrer Zwiebel und war vorläufig nur beglückt, weil sie mit Leo auf der Straße spazieren durfte. Sie zählte keine drei Jahre und lebte noch in dem glücklichen Traumzustand, den man von vor der Geburt mitbringt, sie sah so blühend aus, hatte die rosenroten Polster unter beiden Augen, die ein guter Schlaf verleiht, und die Tränen hatten den Mund nur röter gesalzen und Appetit gegeben. Schwesterchen war nicht dunkel wie Leo, sondern sie hatte brausendes rotes Haar, wie eine eisenhaltige Quelle. Ihre Augen waren hell, mit einem weißlichen Ring und mit schwarzen Augenwimpern, Medusenaugen, und sie hatte eine Haut wie Ziegenmilch, grauweiß und klar. Das kleine verschlafene Gesicht lächelte durch sich selbst, sonst war sie ziemlich in sich gekehrt und würdig. So trollte Schwesterchen sich an Leos Hand vorwärts, mit vorgeschobenem Leib wie eine kleine Salome, herzlich befriedigt und ganz schweigsam vor lauter Gesundheit. Und sie -wanderten immer weiter. Es war ein sonniger Tag, aber mit Kälte in der Luft, und die Kleinen bekamen jene starre Geschwollenheit im Gesicht, die von einer inneren Betäubung gefolgt wird, wenn man friert. Leo hatte schon längst jegliche Orientierung verloren und hielt sich nur an das alte Gesetz, daß er nicht vom Fußsteig gehen durfte. Wenn sie zu einem Fahrweg kamen, der ihren Weg kreuzte, schlüpften sie hinüber und gingen auf der anderen Seite weiter, und so kamen sie tief in die Stadt hinein. Mehr als einmal passierte es, daß ein großer Kutscher hoch oben auf einem Lastwagen laut fluchte und ein ungeheures Paar Pferde gerade vor den Köpfen der Kinder zurückriß, wenn Leo trotz aller Strategie von einer Gefahr in die andere fiel, aber sie kamen immer mit dem Schrecken davon, es war stets jemand da, der für sie sah, wenn ihre eigene Aufmerksamkeit sie im Stich ließ. So vergingen einige Stunden, die in Leos kind-