Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Der kleine Ahasverus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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40 MENORAH und wenden sich zum Gehen. Sie fassen es nicht, aber da sie so gut ist, können sie ihr nicht zuwiderhandeln. Muiters Augen hängen an ihnen, wie sie dort verzagt und gehorsam stehen und mit den runden Händchen an der Tür tasten und sich auf den Zellen recken; noch zögern sie und sehen sich um. Geht, stöhnt sie. Und sie gehen, trippeln artig, indem sie einander Platz machen, Hand in Hand über die Schwelle und ziehen die Tür leise hinter sich zu. Da lacht es stumm in ihrer Brust, weil sie so lieb sind, ein einsam flatterndes Glücksschluchzen, das in den letzten bewußtlosen Kampf mit der Dunkelheit übergeht. J_jeo und Schwesterchen gingen langsam Hand in Hand die Straße entlang, an Bowerys feinen Pfandverleihergeschäften vorbei, mit Revolvern und Plattenringen in den Fenstern, vorbei an den vielen düsteren Wirtschaften, deren Drehtüren mit Spiegelscheiben jedesmal, wenn sie in Schwung gesetzt wurden, die halbe Straße, die Häuserreihe, den Himmel und die Sonne bunt durcheinanderwarfen. Überhaupt erschien die Umgebung den beiden Obdachlosen, die sie durch Tränen sahen, ziemlich gebrochen und geblendet. Aber sie waren Kinder, und sie weinten nicht länger, als die Tränen anhielten. Schwesterchen tröstete sich und begann ihre Zwiebel zu verzehren, die letzte Gabe, die Mutter ihr in die Hand gesteckt hatte. Leo, der voraussehender war, bewahrte seine auf. Nachdem er sich aber sattgeweint hatte, begann er ernsthaft über seine x\ufgabe nachzudenken. Sie sollten nach Hause gehen, hatte Mutter gesagt, und da Marya so klein und dumm war, mußte er die Verantwortung auf seine Schultern nehmen. Was mit nach Hause gemeint war, darüber war Leo sich nicht ganz klar. Er hatte eine etwas schwindelnde Vorstellung vom Meere, das im Kreise wogte, und von einer Unendlichkeit von Ländern und Reichen, die vorm Kupeefenster einen Rundtanz aufführten. Er sah im Geiste ungastliche 4. Klasse-Wartesäle in Deutschland, die vorübergehend sein Heim gewesen waren, öde und hoch, stets von herumziehendem Volk durchwandert, das mit Zugluft hereinkam und die Türen weit oflen stehen ließ; er versuchte seinen Gedanken in Ellis Islands Auswandererhallen einen Ruhepunkt zu geben, wo eine Menge Menschen auf dem Boden über ihren Bündeln brüteten und wo sein Zufluchtsort ein ganz bestimmtes Bündel in einer Ecke gewesen wrar, wo Mutter saß und brennende Augen bekam, wenn er zu wTeit fortschwankte. Eine Vorstellung stand fest, die von der alten Fenster-