Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Der kleine Ahasverus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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DER KLEINE AHASVERUS 39 worden, und es brannte ein Todesfeuer unter jedem der spitzen Backenknochen. Sie ging jetzt ganz vornübergebeugt, halte eine tiefe Grube unter der Brust bekommen, als ob ihr das Ende eines schweren Balkens ins Herz gerannt worden sei. Die Beine hielten sie am Fußboden fest, sie konnte nicht mehr gehen. Wenn der Abend kam und des Nachts verlor sie die Besinnung und phantasierte, und jedesmal, wenn am Tage der Zug vorbeiraste und das Fenster verdunkelte, blitzte ein Wahnsinnsfunke in ihren Augen auf. Sie hatte angefangen zu sterben, und jedesmal, wenn die Dunkelheit ihr auf den Leib rückte, fühlte sie es. Noch aber bewahrte sie das unverwüstliche Lächeln, mit dem sie allem Unglück begegnet war, eine gewisse spöttische Laune, die sie über die Zufälligkeiten des Lebens emporhob, als sei alles, was sich ereignete, gar nicht ihr Schicksal. Sie gehörte zu denen, die lachten, wenn es am allerschlimmsten war. Und wenn die Dämmerung die Unzurechnungsfähigkeit in den tiefen Gnuaugen mit breiten, schattenden Wimpern entzündete — die Fayumaugen, die Leo geerbt hatte — kämpfte das Entsetzen mit einem geheimnisvollen, hartnäckigen Lächeln, einer Reserve von Lustigkeit allem zum Trotz. Selbst wenn sie weinte, und sie weinte unausgesetzt nach dem Verschwinden des Mannes, mischten sich Lachen und unartikulierter Spott in ihren Schmerz. Sie war vom Blute Hiobs, ihre Seele nährte sich von Elend, sie selbst konnte zugrunde gehen, ihr Wesen aber konnte nicht sterben. Geht nach Hause, flüstert sie dann am letzten Tag, ein kaum hörbares Zischen, und sie sieht die Kinder mit großen Totenaugen an. Sie röchelt ohnmächtig, aber sie kann nicht verscheiden, solange die beiden Kleinen bei ihr sind, die Qual, sie zu sehen, hält sie am Leben. Der Irrsinn ist vorüber, sie denkt brennend klar und weint nicht mehr, jetzt muß es ein Ende haben. Geht nach H a u s e, g e h t, bittet sie wieder überirdisch eindringlich und lächelt Leo und Marya zu, die unschlüssig Hand in Hand an der Tür stehen. Sie kann nur mit den Augen lächeln, Mund und Nase sind erstarrt, aber sie erkennen sie an den wunderbaren Mutteraugen, die wie Sterne lächeln und sie in eine Welt von Licht und Liebe einhüllen. Sonst aber wissen sie nicht recht, was sie glauben sollen, das ist ja fast nicht mehr Mutter, sie hat sich so verändert, als ob das bellende Untier, das sie ihnen in der letzten Zeit so entfremdet hat, ganz an ihre Stelle getreten wäre; aber es sind ja noch Mutters Augen. Und schließlich fühlen sie, daß sie Mutter gehorchen müssen