Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Der kleine Ahasverus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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38 MENORA H der Kraft eines Erdbebens. Auf dem Platze stand irgendwo ein ziemlich großer Holzsehuppen, der umgerissen und von seinem Platze verschoben wurde, er wackelte wie in einem Orkan umher, bald eine Ecke hoch, bald eine andere; ein Mann, der mit einem Kinematographenapparat oben gestanden hatte, fiel mitsamt seinem Apparat und Iloizstativ herab und schwamm eine Weile auf den wogenden Köpfen der Leute, bis er auf den Grund sank. Laternen und Gitter gaben wie Strohhalme nach, Schutzleute wurden totgetreten. Die Masse, die sich zuerst unbestimmt um .sich selbst gedreht hatte, machte eine Schwenkung zum nördlichen Ende des Broadway hinüber und zwar so, daß viele Menschen buchstäblich die Häusermauern hinaufgespritzt wurden, andere Wogen verteilten sich nach allen vier Himmelsrichtungen, und bald löste die Masse sich in kopfloser Flucht nach allen Seiten auf. Es war, als ob eine schwarze Woge von Menschen gegen die Mauer von Manhattan schlug, zu Schaum gepeitscht wurde und das Tageslicht mit allen sieben Blitzfarben des Entsetzens erfüllte. Niemand, der bei dieser neuen Zerstörung von Jerusalem zugegen war, wird jemals vergessen, daß er den Regenbogen der Hölle gesehen hat. Von dieser Prozession aber kam Leos Vater nicht zurück. Ein Platz neben einem Laternenpfahl in der 23. Straße, gegen den er sich zu lehnen pflegte, mit einem Bund Schnürlitzen um den Hals, die er zum Verkauf feilbot, stand leer und konnte von einem anderen peddl er besetzt werden. Ein Stuhl in der Astor Library blieb einige Tage unbesetzt und der Bibliothekar wunderte sich darüber, daß der Russe, der jeden Abend zu kommen und über amerikanische Staatswissenschaft zu lesen pflegte, sich nicht mehr blicken ließ. Im übrigen aber wurde er nur in dem kleinen Heim in Bo^wery vermißt. Hier wurde er vermißt, wie nur Juden, die es von dem harten Gott gelernt haben, entbehren können. Die Mutter brach dadurch zusammen. Sie war schon vorher sehr krank gewesen, hatte lange an einem häßlichen Husten und an Schwere in den Beinen gelitten, als ob etwas sie in die Erde hinabziehen wollte. Jetzt vereinigte der Husten sich mit nie versiegenden Tränen und brach bald ihr Herz. Es war, als ob ein fremdes, unmenschliches Wesen aus ihrem Körper herausbellte, wenn sie mit ihrem rauhen, keuchenden Husten kämpfte, bis Blut kam. und Tränen das arme, verzweifelte Gesicht furchten. Mutter war so hübsch gewesen, und noch umstand ihr rabenschwarzes Mädohenhaar ihren Kopf wie -einen Tornado, aber die wundervollen Augen waren irr ge-