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Menorah · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. Seite 37

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Article
Der kleine Ahasverus
Date
1930-01-01
Page
Seite 37 (sequence 10)
Language
German
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DER KLEINE AHASVERUS 87 der Zug keine größere Aufmerksamkeit, man ist an „Paraden", wie es heißt, auf der Broadway gewöhnt, und läßt deswegen seine Arbeit nicht im Stich. Oben, längs der weitläufigen Fassaden, sieht man einzelne Leute auf die breiten Gesimse unter die Fenster treten und auf die Straße hinabsehen. Fußgänger bleiben einen Augenblick stehen und erkundigen sich nach dem Auflauf. Ach so, die Juden gehen in Parade. Hier, zwischen den turmhohen, geschlossenen Fassaden klingt die Musik schrecklich grell, mit verdoppeltem Mißklang in der Nähe und schallend hohl etwas weiter fori, wie ein unterirdischer, trüber Weltuntergangslaut, jetzt kommen die Toten! Und wie immer, wenn Musik zusammengemengt wird, bildeten sich freie und wilde Töne von selbst in der Luft, Schreie wie von Unsichtbaren aus dem Raum, hohe Flötenstimmen, die nicht von den Instrumenten herrührten, sondern durch Interferenz entstanden, seltsames, nacktes Gekreisch, das Leichen in der Nähe ahnen ließ und die Luft mit weinenden Seelen erfüllte. Die Prozession erreichte nicht ihren Zweck, Massenversammlung mit Reden, Resolutionen usw.- Nachdem sie ihren lebenden Protest zur Begleitung der vorzeitlichen Musik in guter Ordnung durch die Broadway geschleppt hatte, wo die kolossalen Schilder mit den Mammutbuchstaben in Gold — Stern Bros, Haurowitz & Co. — von den Wolkenkratzern der Handelsfürsten auf den Zug der gebeugten Häupter herabschauen, klumpte er sich auf dem Union Square zusammen und wurde durch eine Panik gesprengt, die in wenigen Minuten die Legionen wie die Stäubchen eines Löwenzahns verwehte. Wie die Panik entstand und was sie veranlaßt hatte, ist nie aufgeklärt worden, sie schien überhaupt keinen Grund zu haben, war wohl nur ein Ausbruch dessen gewesen, was man „den jüdischen Schrecken'' nennen kann, ein Wahnwitz bei dem Gefühl, so viele auf einem Fleck zu sein. Ein Haufe Feilspäne mit derselben Art Elektrizität geladen, konnte nicht gründlicher auseinanderstieben als dieser Auflauf. Es fing mit einer Schraubung der Teilnehmer der Prozession auf dem freien Platze an, wo eine Angst entstand, die sich wie eine explosive Ansteckung fortpflanzte, die Masse preßte sich zusammen und andere drängten nach, alle wollten zum Zentrum, und dann brach es wie ein Wirbelsturm über die zusammengestallten, panisch verstörten Köpfe herein, der sie in einer Sekunde auseinanderfegte. Vereinzelte Todesschreie waren zu hören, sonst aber blieb der Auflauf unheimlich stumm, verlief ziellos wie Ebbe und Flut und mit

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