Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Der kleine Ahasverus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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DER KLEINE AHASVERUS 33 Gipfeln in den Sonnenschein hinaus, sie glotzen mit tausend Fenstern, während Schattensäulen sich wie Himmelsleitern von den Dächern bis in die Straßen hinunterlehnen. Und Leo verkauft Zeitungen und sehnt sich, sehnt sich — nach einer Vergangenheit, die nie recht da war. Das Leben hatte ihn nur Sehnsucht gelehrt. Wenn aber persönliche Prüfungen den kleinen Mann gezeichnet hatten, so saß ihm ein anderes Schicksal noch tiefer im Blute, nämlich die Unsicherheit und Wanderung seiner Vorfahren. Der kleine Kopf mit den orientalischen Zügen ist wie eine Maske geformt, in der aller Wechsel, durch den das Volk Israel gebeugt und abgehärtet wurde, sich spiegelt und schlummert. Die geisterhaft großen Augen leuchten von Asiens mystischer Urzeit, viele Jahrtausende bevor Abraham sein Zelt im Lande zwischen den Flüssen abbrach und in Kanaan einzog, wo die Diebslaterne der Geschichte ihr Licht auf ihn warf; sie sind noch von der Süße und Zeitlosigkeit eines Hirtenlebens betaut. Gewisse weiche Züge an den Nasenflügeln erinnern an ägyptische Kunstwerke und erzählen von Zeiten, in denen Israel am Nil Steine klopfte und des Abends im Schilf mit den sonnigen Osiristöchtern zusammentraf; das krause Negerhaar und hin und wieder ein Schimmer in den Zügen berichten von einer wunderbaren nubischen Sklavin, deren Blut einst in das Geschlecht kam, und der viereckige assyrische Mund weist auf die weinenden Jahre an Babylons Flüssen hin, die doch vielleicht nicht jeder Zerstreuung bar waren. Er gleicht den Porträts von Faijum, halb griechisch, halb afrikanisch und doch jüdisch, und nun steht er also in New York, wie ein kleiner polnischer Emigrant, der kaum seine Nase allein ausschnupfen kann und The World feilbietet. Er kann noch nicht lesen und weiß gar nicht, was er sagt, darum klingt es wie eine unfreiwilige Symbolik in seinem Mund, wie eine tapfere und schmerzlich komische Herausforderung gegen die unsanfte Welt, in der er ein Heimatloser geworden ist, wenn er hin und wieder seinen ganzen Atem zusammenrafft und ein Waajld über den Lärm der Straße hinausschleudert. Das ist der kleine Alias verus. -Linnes Tages kehrt der Vater nicht zu der kleinen elenden Stube in Bowery zurück, wo das Fenster jede dritte Minute von dem L-Zuge verdunkelt wird, der draußen vorüberdonnert und der das ganze Haus zum Beben bringt. Tag nach Tag vergeht, ohne daß der Vater erscheint, und die Mutter weint sich seiner die Augen aus dem Kopf