Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Der kleine Ahasverus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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32 MENORAH schalen in einen Rost stürzen, ein Mysterium in der Höhe und Tiefe, das er nie begreifen und das ihn zeitlebens beschäftigen wird. Und dann ist da Marya, mit der er unermüdlich Puff-PulT-Eisenbahnen auf der Erde aus Holzstücken baut. Dann erinnert er sich eines Tores, das zur Straße führt, zur Straße, von wo alles kommt, und eines Tages ist es voll von Menschen und Reitern mit gezogenen Säbeln, Schüsse und Gestampf, daß die Erde bebt, das ist das Ende der Welt mit Herein und Heraus und Jammergeschrei, Fensterscheiben krachen und Menschen stürzen mit blutigen Köpfen durchs Tor. Und dann ist Leo in einem wirklichen großen Puff-Puff-Zug und weiß nichts weiter, als daß es schwere Zeiten für Vater und Mutter sind, immer auf Reisen, immer weiter, bis sie auf einem Dampfschiff sind und nichts als Wasser sehen, jeden einzigen Tag. Sie fahren und fahren und diese Meerfahrt wird für Leo nie ein Ende nehmen, er wird ihr stets treu bleiben, weil das Leben damit für ihn begonnen hat, sein Kinderherz hängt an dem Schiff und an dem schweren Wogengang wie an einem Heim, von dem er ausgegangen ist und das er niemals wiedersehen wird. Die Sonne grinst durch die Abendwolken, und auf dem Vorderdeck, wo die Emigranten sich geschart haben und zu dem leeren Horizont des Ozeans hinüberstarren, schaut ein Kinderkopf aus einer groben Decke hervor, er scheint hoch am Himmel zu stehen, weil der Stewen des Dampfers sich aus den Wellen hebt: das ist Leo auf dem Arm der Mutter, der jüngste Ausguck auf dem Schiff, das Märchen an Bord. Der Dampfer arbeitet sich langsam stampfend vorwärts und die Sturzseen klettern wie nackte Krieger, die das Schwert zwischen den Zähnen halten, am Rumpf hinauf, sie werden zerschmettert und verflüchtigen sich zu Schaum, der sich einen einzigen Augenblick in der Luft hält, während das Ewigkeitssymbol des Regenbogens in dem salzigen Staub glitzert, bis er dahinfährt. In diesem Spiel bleibt etwas von Leos Seele hängen, hier ist er zu Hause. Leo wurde zeitig ein Fremder in seiner eigenen Kindheit, ein Flüchtling, bevor er noch gehen konnte, ein Ewigkeitssucher wie der heimatlose Wind. Nun ist der Hof mit der Abflußrinne und den wandernden Wolken nicht mehr, und die Wogen sind nicht mehr, jetzt ist es Bowery, viele schwarze Treppen und eine Unendlichkeit von farbiger Wäsche, die vor dem Fenster auf Schnüren zum Trocknen aufgehängt ist, eine Schlacht von Farben in Wind und Wetter. Und hier, wo man Leo an die Arbeit gesetzt hat, stehen die schwindelnd hohen Häuser und schicken flatternde Dampfbahnen von ihren