Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Der kleine Ahasverus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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34 M E N O R A11 über die beiden Kleinen, die fragen und sich selbst antworten und so weise aussehen und doch nichts verstehen. Das Verschwinden des Mannes hing auf irgend eine niemals aufgeklärte Weise mit einem Ereignis in New Yorks jüdischer Welt zusammen, dem großen Demonstrationszug, der am Jahrestag eines russischen Blutbades veranstaltet wurde. Hundertfünfzigtausend landflüchtige Juden gingen an jenem Tage in einer Prozession durch die Straßen von New York, ein historisches Schauspiel, das die Welt versteinern sollte und das nichts weiter als einen Wirbel mehr in dem Strombrausen von Menseben in Manhattan verursachte. Sie versammelten sich in den elendsten Vierteln von Brooklyn und gingen über die Williamsbourg Bridge nach Ost-New York; unterwegs schlössen sich immer mehr Teilnehmer aus dem Ghetto an, bis sie wie ein unübersehbarer Strom in den Broadway einbogen und in geschlossenem Marsch nordwärts durch die Stadt zogen. In Zwischenräumen gingen Blasorchester im Zuge und spielten Trauerchoräle, sie waren nicht weiter auseinander, als daß der eine dumpfe Psalm seinen Jammer in schneidender Disharmonie mit dem andern vermischte. Altjüdische, seltsam düstere und schwangere Hymnen schleppten sich in einem Mißklang ohne Gnade mit Chopins unvermeidlichen Begräbnistönen dahin. So kamen sie dahergezogen, durch New Yorks moderne Straßen, wo die Klagemusik wie ein Zug von Altertumsgespenstern wirkte, unter diesem zerrissenen Himmel kamen sie zu sechsen in der Reihe daher, das eine schweigsame Glied immer hinter dem anderen, wandernd, wandernd, alle mit dem rundköpfigen steifen Hut, der tief im Nacken getragen wird und dem Juden folgt, wohin er auch verschlagen werden mag, mit alten Mänteln, die ihnen um die Hacken schlotterten und mit Anzügen, die für größere Leute gearbeitet waren, alle mit langen, ausgetretenen Füßen. So, mit gebeugten Rücken und vorgestreckten Gesichtern, in denen die Züge verschiedenartig sein mochten, gleichsam von allen Völkern der Welt entliehen, in denen der Blick aber immer jüdisch blieb, dumpf und lodernd, so kamen sie angewandert, ohne Takt, jeder einsam für sich, aber dennoch heute scheinbar zu einem gemeinsamen Ziel vereinigt — auf wie lange? Im unteren Broadway verliert sich die Prozession auf dem Grunde der Kluft zwischen den Wolkenkratzern und dem gewöhnlichen Verkehr des Alltagslebens. Die Menschenmenge wird auf beiden Seiten des Fußsteiges etwas zusammengedrängt und die Wagen müssen von der Polizei zur Seite dirigiert werden, sonst aber erweckt