Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Der kleine Ahasverus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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DER KLEINE AHASVERUS 31 so klein ist, und dann gilt es in rasender Geschwindigkeit eine Nummer in die Höhe zu reichen, den Cent aufzufangen und sofort eine neue aus dem Haufen zu reißen, um auf neue Nachfrage gefaßt zu sein, wie er es bei den anderen sieht: W a a j 1 d! Hat er seinen Haufen ausverkauft, so weiß er, daß er sich in der Nähe an eine bestimmte Stelle wenden muß, wo ein Mann hinter einem Gitter, der nie etwas sagt, hastig einen kleineren Stapel abzählt und ihm herausreicht. Und so vergeht der Tag, bis Vater oder Mutter kommen und mit dem Mann abrechnen und den Kleinen holen. Im übrigen wird er New York ganz und gar überlassen. Er kann einen Satz auf Englisch auswendig, den er herplappern soll, wenn er sich verirrt hat, und aus dem hervorgeht, daß er Leo heißt mit einem slawischen Nachnamen und in Bowery wohnt, und eine Nummer muß er nennen, die furchtbar schwer auszusprechen ist. Was Leo sonst denkt, wenn er seinen kleinen Kindergedanken nachhängt, formt sich auf Jiddisch, der Sprache, die er von seiner Mutter gelernt hat und die er in einem noch privateren Dialekt zu Hause mit seinem Schwesterchen spricht, der noch jüngeren Marya. Nach ihr sehnt Leo sich beständig, sie ist ihm so lieb wie die Muttermilch, die er einst getrunken und inzwischen vergessen hat. Die Sehnsucht nach der Schwester sitzt wie ein Schmerz in seinem kleinen Körper, in dem es so heiß ist wie in einer Blütenknospe, weil er sich gar zu sehr auf seinem schweren Posten nach Schwesterchen sehnt. Und alles andere was Leo denkt, erhöht dieses inwendige Schwellen und Nagen wie in einem wachsenden Keim, der unten in der Erde glüht, sein Wesen ist eine einzige dunkle Sehnsucht, sein Herz klopft neu und groß mit einer bereits alten Entsagung. Denn Leos Heimat ist ja nicht hier; er ist unendlich weit fort, in einer Stadt, die Lodz heißt, geboren worden, und die Welt, zu der er gehört, fängt mit einem Hinterhof an und mit einer Mauer, über die ein Schornstein ragt, durch dessen Rauch der Tag drunten im Hof stetig verändert wird, bald sind es unruhig ziehende Wolken und ein wenig blauer Himmel, bald Dunkelheit. Hier in dieser Wanderbeleuchtung erwacht Leo in einer Fensterecke zum Bewußtsein, ein Fenster, an dem Regenwasser hinabläuft, in das Leo mit dem Finger Figuren malt und das er mit der Zunge schmeckt, sein erster Vorgeschmack von der Nässe des Himmels und dem Staub dieser Erde, bitter, aber unvergeßlich wie das Urmeer der Schöpfung, das im Anfang war. Später wird er zu einer Nachbarschaft mit nassen Fliesen und einer Abflußrinne befördert, aus der hin und wieder Kartoffel-