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Menorah · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. Seite 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Article
Über einen jüdischen Humanismus
Date
1930-01-01
Page
Seite 15 (sequence 13)
Language
German
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ÜBER EINEN JÜDISCHEN HUMANISMUS 15 Präzedenzfälle finden kann, die einen ebenso berechtigen, Nationalist als auch Internationalist, Pazifist als auch Militarist, ein „Jude vor allem" als auch „schließlich doch ein Jude" zu sein, und ebenso an Demokratie als auch an Theokratie, Monarchie oder Kommunismus zu glauben. Diese Art Vorschriftenjagd ist es, was Arnold unter Hebraismus verstanden hat und wofür ich das allergeringste Interesse habe. Setzen wir jedoch jetzt den Fall, daß jemand sich mit seiner ganzen Einbildungskraft in die jüdische Geschichte versenkt hal, und zwar in ihre Ganzheit. Diese Geschichte — man hat es bald heraus — ist eine Aneinanderreihung solcher quälenden modernen Rätsel. In den 2000 Jahren ihrer Zerstreuung waren die Juden eine Minorität und stets damit beschäftigt, Kunstgriffe zu erfinden, um ihr Leben dem Leben der Majorität anzupassen und doch dabei das zu erhalten, was ihnen wert war. Dies, vor allem, wrar ihr Metier. Es ist gewiß nicht übertrieben zu sagen, daß durch das Nacherleben dieser Erfahrungen eine Einstellung zu den heutigen Fragen dieser Art entsteht, die durch ihr Verständnis dessen, was eine Minorität — Individuum oder Gruppe — leidet oder begehrt, durch ihr Mitgefühl für die Ansprüche der Majorität, durch ihre Kenntnis der vielen und verzwickten Formen, die dieser Konflikt im Laufe der Jahrhunderte angenommen hat, mit vollem Recht als humanistisch bezeichnet werden kann. Und man wird dieses Problem mit so vielen Etiketten versehen, es so viele übermenschliche Sanktionen in Anspruch nehmen, sich mit so vielen Gründen rechtfertigen gesehen haben, daß ein heiterer Skeptizismus den moderen Äquivalenten jenen alten Kniffen gegenüber die heutige Einstellung färben wird. Dies aber ist Humanismus. Es ist wahr, daß, allgemein gesprochen, diese Einstellung gegen die Majorität, gegen alles, was als Rechtgläubigkeit, das heißt Glaube der Majorität, gang und gäbe ist, gegen alle Prinzipien, die über den Menschen erhaben sind, gegen konzentrierte Macht und Tyrannei, gegen alles, was den menschlichen Geist zu knebeln bestrebt ist, in die Wagschale fällt. Das aber ist auch eine Eigenschaft des Humanismus. Denn während die Mehrheit der Menschen bisher nicht gewillt war, die Notwendigkeiten der menschlichen Natur als Prüfstein ihres Betragens anzuerkennen, war der Humanismus immer eine Art Ketzerei. Doch keiner, der sich in die jüdische Geschichte vertieft hat, der zweitausendjährige Erinnerungen daran erworben hat, was das heißt, mißverstanden, ungerecht verurteilt und vergewaltigt zu werden, kann den Fehler begehen und eine ähnliche Stellung der gegenwärtigen Mehrheit

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