Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Über einen jüdischen Humanismus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 MENORAH nicht nur ein Ahne dieser Kultur, sondern ist auch Zeitgenosse gebliehen. Er war überall ein Eingeborener mit einer fremden Vergangenheit und der Möglichkeit einer fremden Zukunft. Seine Geschichte ist ein Golfstrom, der sich über Europa ergießt, feucht und salzig wie die umgebenden Gewässer, von derselben Sonne seine Färbung herleitend, von denselben Stürmen geschüttelt, von demselben Getier bewohnt, doch stets von verschiedener Temperatur und einer selbsleigenen Richtung. Infolge dieser ständigen Gegenwärtigkeit und doch Abgeschiedenheit, Ähnlichkeit und doch Verschiedenheit, Koinzidenz und doch nur geringfügigen Berührung ist seine Kultur für Europa ein Maßstab des Wertens geworden. Sie kann für die westliche Geschichte eine Art kartesischen Koordinatensystems abgeben. Ich möchte auf einige Richtungen hinweisen, in denen diese Art Wertung angewendet werden kann. Ein Rudel von Problemen lagert sich um die Beziehungen zwischen Individuum und umfassender sozialer Gemeinschaft; bis zu welcher Grenze ist der Mensch seiner Religion. Nation, Rasse, Klasse, Heimat und Menschheit zur Loyalität verpflichtet? Ein anderer Wirbel zentriert sich um die Beziehungen der Gruppen zu einer umfassenden Einheit und zueinander. Und beide dampfen von Problemen der Minoritätsrechte und -pflichten, der Völkerselbstbestimmung, des Nationalismus und Ku-Kux-Klan, der voll- und minderwertigen Rassen, der Toleranz und Freiheit, der ökonomischen Demokratie und des Imperialismus, der Souveränität der Nationen und der Völkerliga, des Internationalismus und des Patriotismus. Es genügt, irgendein beliebiges dieser Probleme anzuschneiden und bald gelangt man an seiner Hand bis zum siedenden Herzen der modernen Welt; auf Grund ihrer Lösungen wird über Krieg oder Frieden bestimmt und Millionen menschlicher Wesen werden dem Leben aufgespart oder dem Tode hingeschleudert. Ob wir dessen gewahr sind oder nicht, sie zupfen an jedem Wendepunkte an unserem Leben und werfen darauf ihren Schatten. Ich will nicht behauptet haben, daß wir uns an die jüdische Kultur um Rezepte wenden sollen, wie diese Verpflichtungen zu mischen und zu dosieren, oder um Vorschriften, wie sie miteinander zu vereinigen sind. Nicht, daß es ihr an Rezepten oder Vorschriften mangelte. Im Gegenteil, die Schwierigkeit solch einer Jagd auf Sittenregeln kreuz und quer durch die jüdische Geschichte (eine Lieblingsbeschäftigung vieler unserer geistigen Führer) beruht eher darauf, daß man ihrer zu viele findet. Es ist übrigens im vorhinein klar, daß man in einer dreitausendjährigen Geschichte