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Menorah · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. Seite 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Article
Über einen jüdischen Humanismus
Date
1930-01-01
Page
Seite 16 (sequence 14)
Language
German
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16 MENORAH und Orthodoxie gegenüber annehmen. Er wird mit Mitgefühl und Erbarmen urteilen. Und das, vor allem, ist Humanismus. Mit Einfühlungskraft aufgesogen, bringt die jüdische Geschichte eine ähnliche humanistische Einstellung in dem Konflikt zwischen der Religion und der Wissenschaft, dem Mystizismus und der Intelligenz, dem Dogma und der Gewissensfreiheit hervor. Ich habe kaum Raum genug, um auch nur darauf hinzuweisen, daß das Rabbinat völlig verschieden war von der Priesterschaft oder der modernen Geistlichkeit und daß die Einsicht in seine Natur eine neue Beurteilung des heutigen Konfliktes zutage fördert. Und ferner, der jüdische Religionsibegriff war zeitweise ganz verschieden von dem Begriff seiner christlichen Partner, Katholiken oder Puritaner, und eine gründliche Beschäftigung mit diesem Gesichtspunkt würde eine neuartige Kritik hervorsprießen lassen, die Basis für eine neue Bewertung dessen, was wir heute Religion nennen. Das Problem wieder, wie unsere westliche Kultur gegen die Übergriffe des Industrialismus aufrechtzuerhalten oder schließlich wie eine glückliche Verbindung beider zu vollziehen sei, kann von jemandem, der das erworben hat, was ich die jüdische humanistische Einstellung nenne, ganz neu beleuchtet werden. Ist doch, ich muß es wiederholen, die gegenseitige Anpassung von Kulturen die Stärke der Juden. Doch muß ich auch dies wiederholen, daß ich damit nicht zugleich annehme, man könnte in der jüdischen Kultur auf diese oder andere Probleme eine fertige Antwort finden. Man wird keine Antwort finden, doch wird man eine Einstellung gewinnen. Und diese Einstellung, ist in ihrem befreienden Einfluß auf unser Betragen, unseren Verstand und unser Gefühl und in dem Betonen der Relativität des geschichtlichen Prozesses die Quintessenz des Humanismus. IVönnte nicht alles, was ich über den humanistischen Wert der Vertiefung in die jüdische Kultur gesagt habe, mit ebenso großer Berechtigung von der Vertiefung in eine jede große Kultur — die griechische, römische, chinesische und was weiß ich noch welche, gesagt werden. Zugegeben, doch mit gewissen Beschränkungen, die ich übrigens schon berührt habe. Chinesische Kultur kann vielleicht, trotzdem sie so fernliegt, griechische Kultur kann vielleicht, trotzdem sie so lange vor unserer Zeit aufgehört hat zu existieren, dazu gebracht werden, einen ebenso intensiven Humanismus hervorsprießen zu lassen wie die jüdische. Denn diese und noch eine Anzahl großer menschlicher Kulturen sind ebenso reich, wenn nicht noch reicher an allen Arten menschlicher Erfahrungen und Leistungen. Doch ist für einen Juden

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