Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Über einen jüdischen Humanismus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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ÜBER EINEN JÜDISCHEN HUMANISMUS 13 Dichtern und verlieren uns in der mystischen altitudo. Der angelsächsische Amerikaner kommt nach England, in Wirklichkeit oder in der Phantasie, und ein Expansionsschauer ergreift ihn. Wir kommen in viele Länder und in hundert Städte, und jede Gasse und jeder Stein sprechen von uns. Die Erfahrungen einer Rasse, auf diese Weise durchdrungen, bedeuten natürlich eine Bereicherung unserer eigenen Erfahrung; doch ihr tiefer Wert liegt in den neuen Perspektiven, die sie uns auf unser eigenes Zeitalter eröffnen. Sie werden für uns zu einem neuen kritischen Prüfstein. Wir haben eine neue Skala. Sie bilden einen Turm, in den wir uns von den niederdrückenden Einzelheiten des unmittelbaren Lebens flüchten können, um einen neuen Gesichtspunkt für die umgebende Welt zu gewinnen. Es ist kein Turm aus Elfenbein, aber ein Aussichts- und manchmal ein Wachtturm. Die jüdischen Erlebnisse sind ganz besonders geeignet, uns diese frischen, kritischen und wertenden Gesichtspunkte zu gewähren, nicht nur infolge der langen Zeit, die sie umspannen, sondern hauptsächlich weil die Juden ihre Jahrhunderte mit und in der westlichen Welt und doch von ihr getrennt erlebten. Von ihren Uranfängen in Kanaan bis auf den heutigen Tag haben sie die Kultur ihrer Nachbarn in sich aufgenommen und doch dabei eine eigene Kultur und Individualität aufrechterhallen. Sie sind die natürlichen, unoffiziellen und oft unwillkommenen Kritiker der westlichen Welt geworden. Sie sind, im Hiobschen Sinn, die Widersacher der Völker. Infolge der außergewöhnlichen Beziehungen zwischen Juden und Christen, die in der Einstellung der Kirche den Juden gegenüber begründet sind, wie auch in dem Eckchen, das sie im christlichen Mythos einnehmen, haben die Juden in einem erheblichen Maße den Ergänzungspart in Europa gespielt. Dennoch, wären sie nur Outsider, ein Volk mit einer anderen Kultur, dann hätte die Vertiefung in seine Kultur, die ich befürworte, keinen größeren Wert als die Vertiefung in japanische Kultur. Und wäre ihre Kultur nur eine der Quellen der europäischen Zivilisation gewesen — sagen wir die religiöse Quelle, dann wäre eine Vertiefung in diese Kultur als humanistischer Kunstgriff höchstens von gleichem Wert wie die Vertiefung in die griechische und römische Kultur (die gewöhnlich unter dem Namen Humanismus gemeint sind). Doch völlig verschieden von den Japanern hat der Jude an der europäischen Kultur durch all ihre Wechselfälle hindurch teilgenommen, fast in ebenso vollem Maße, wie er sich ihr gegenüber behauptet und von ihr ferngehalten hat. Und, ungleich den Griechen und Römern, war er