Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Über einen jüdischen Humanismus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912902-2924669--08619-2924785- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
12 MENORAH liebes Wachsen und sein Einssein als in einer Reihe von nacheinander folgenden verschiedenen Stadien bestehend. Kein Satz im Gebetbuch müßte verändert verden und doch würde unter diesen Umständen Maimonides das alte Schma kaum wiedererkennen; es wäre ihm so fremd, wie das Schma des Maimonides dem Hillel fremd gewesen sein würde oder das des Hillel dem Josua. Monotheismus eher als wandelbares denn stabiles Ding gesehen, ist beileibe kein außerordentliches Phänomen; ist doch die jüdische ebenso wie jede andere Kultur ein Gemengsei von Wandlungen. Die jüdische Kultur ist besonders reich an diesen Wandlungen, die alle Einzelheiten seiner Gesetze, Gebräuche, seines Rituals und seiner Literatur ergreifen, weil sie eben eine so besonders lange Geschichte hat. Und die Auffassung der Geschichte als eines Prozesses und der Institutionen als Wachstumserscheinungen — eine wesentlich humanisierende Sache — ist besonders wirksam bei der Vertiefung in die jüdische Kultur und fällt uns da direkt als ihre Frucht in den Schoß, da die jüdische Erfahrung unsere eigene Erfahrung ist und da die Institutionen und Ideen, aus dieser Erfahrung geboren, in den Fibern der westlichen Welt mit ein gesponnen sind. Die ägyptische Kultur erstreckt sich über eine ebenso lange Zeit wie die jüdische und die jüdische über eine noch längere; doch liegen alle beide verhältnismäßig weit weg von der westlichen Welt. Eine Mumie, die zentrale Figur des ägyptischen Lebens, hat uns viel zu sagen, doch nicht so viel und nichts, das uns so naheginge wie das meist zerfetzte Stück Pergament der Genizah von Kairo. Uie eingehende Beschäftigung mit der jüdischen Kultur — ich habe versucht, es zu zeigen — ist danach angetan, einen heiteren Skeptizismus in bezug auf die voreingenommenen Auffassungen der Geschichte zu fördern; das heißt, sie macht uns skeptisch dem natürlichen Betragen der Menschen gegenüber und durchdringt uns mit dem Verständnis der Kultur als eines Wandlungsprozesses mit vielen Wandhingsrichtungen. Unter der Führung dieses Skeptizismus und dieses Verständnisses und bei der daraus folgenden Elastizität des Geistes kann die jüdische Erfahrung mitfühlend nacherlebt werden. Ein aufwühlenderes oder reicheres Abenteuer läßt sich nicht denken. Wir schlüpfen in den Geist von Weisen, leiden mit Märtyrern, und sterben mit Helden. Wir nehmen teil an den Gelüsten und der Blutgier der Jahrhunderte politischer Expansion und an den Listen und der Erbärmlichkeit der Jahrhunderte des Niederganges. Wir singen mit