Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Über einen jüdischen Humanismus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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10 MENORAH ist ebensowohl auf die Empfänglichkeit der Barbaren, den letzten Kandidaten der Beaux-Arts mit eingerechnet, zurückzuführen wie auf die schöpferischen Gaben der Griechen. Und durch die Empfänglichkeit der Niehtgriechen und die Windungen der Geschichte, welche die Eroberung Griechenlands durch die Römer und dann die römische Eroberung fast ganz Europas und der Mittelmeerländer mit sich brachte, ebenso wie infolge jener neueren Windungen wie Cosimo de Medicis Konzil in Florenz und den Fall Konstantiiiopels ist die künstlerische Vorherrschaft und grundlegende Bedeutung der Griechen zustande gekommen. Hätten die Römer China anstatt Griechenland erobern können, so wäre die chinesische Malerei und nicht die griechische Skulptur der Maßstab künstlerischer Vollkommenheit geworden. Weder waren die Römer — allgemein als Erzgesetzgeber betrachtet — damit beschäftigt, Gesetze für das feudale Europa zu entwerfen oder an den napoleonischen Kodex zu denken, und die Weisen der Großen Synagoge, die mühsam ihren „Zaun" ausarbeiteten, um das Christentum und den Mohammedanismus bekümmert. Noch waren die Römer je mit dem Gesetzemachen .so in Anspruch genommen, daß ihr Leben der Schönheit und Religion bar gewesen wäre. Ein frommer Römer hätte an peinlicher Observanz nichts von einem Juden zu lernen gehabt, und Horaz nichts an Hingebung an die Kunst von Theokrit. Noch auch haben die Juden in ihrem religiösen Eifer es verfehlt, Gesetze zu machen und Schönheit zu schaffen. Unbeschadet von historischen Verallgemeinerungen bleiben Talmud und Jehuda Halevi bestehen. Jedermann kann jüdische Gesetze lesen und jedermann jüdische Gerichtsbarkeit kosten. Die illuminierten Haggadoth können nicht ungeschaffen, die Altarstickereien nicht zertrennt und die Synagogenfresken nicht weggewaschen werden. Schon diese Auflösung gangbarer Begriffe unter dem Anprall der Tatsachen ist ein humanisierender Prozeß. Es ist eine geistige Freiübung, die nicht nur den Geist geschmeidig macht, sondern auch jenen dunklen Sitz unserer tiefsten Instinkte, den Kern unserer Impulse und Vorurteile, die sogenannte Seele. Durch wechselseitige Konfrontierung der mannigfaltigen Elemente der jüdischen Erfahrung kann man diese Prozesse unterhalten, so lange man will. Die Ansicht, wenn sie zufällig jemand bekennen sollte, daß das Judentum fast ausschließlich eine rationalistische Religion ist, wird bei einem selbst flüchtigen Studium des sogenannten neuen und alten Chassidismus in die Brüche gehen. Die Ansicht, daß es hauptsächlich eine diesseitige, nicht (wie das Christentum) eine jenseitige Religion ist, müßte der