Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Article
Über einen jüdischen Humanismus
Date
1930-01-01
Page
Seite 9 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2912821-2912900-2912902-2924669--08616-2924782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ÜBER EINEN JÜDISCHEN HUMANISMUS 9 Chassidim, den man noch heutzutage in karpathischen Dörfern hören und sehen kann. Natürlich kann kein einzelner alle Details dieser erhabenen Gesamtheit kennen, geschweige denn meistern. Wenn ich trotzdem eine Versenkung in die jüdische Kultur verlange, so denke ich an nichts weiter als an eine beliebig ausgedehnte Reise in allen diesen Richtungen, wobei die Ausdehnung von den individuellen Interessen und Fähigkeiten abhängt, doch —- und hier liegt die Betonung - mit vollem Bewußtsein der Existenz jener Ganzheit, deren verzwickte Mannigfaltigkeit schließlich an der Hand von kleinen Ausflügen olfenbar wird, und mit einiger Einsicht in die wechselseitigen Verhältnisse der unendlich vielen Teile jenes bis auf den heutigen Tag unbeeidigten Ganzen. Man kann es beinahe garantieren, daß einem beim Eintauchen in die Fluten dieser dreitausendjährigen Kultur sogleich die meisten Vorurteile über Hebraismus und dergleichen mehr zergehen werden. Die Ganzheit ist viel zu groß, als daß ein Teil ihr seinen Namen geben oder als ihr Symbol gelten oder ihr Wesen vermitteln sollte. Man kann den Tauchersprung mit der Überzeugung tun, daß die Juden im Wesen ein religiöses Volk sind und man kommt bestimmt an die Oberfläche mit der Erkenntnis, daß wie sie ein leidenschaftlich religiöses Volk sind, so sind sie nicht weniger, wie dies allgemein von den Römern behauptet wird, ein leidenschaftlich gesetzgeberisches Volk. An der Hand entsprechend gewählter Details kann ebenso richtig geschlossen werden, daß sie — was den Griechen nachgerühmt wird — ein intellektualislisches Volk und auf ihre Leistungen in Literatur und Kunst hin, daß sie ein schönheitsliebendes Volk sind. JL/er Trugschluß dieser alten und hölzernen Unterscheidungen beruht darauf, daß man als angeborene Charaktereigenschaften bei einem Volke das ansieht, was hauptsächlich ein historischer und zugleich unwesentlicher Zufall ist. Die griechische Kunst hat die Welt tiefer beeinflußt als die römische oder die jüdische, doch war das griechische Volk frei und rein von jeder Absich!, Kunstdiktalor zu werden. Und hätte jemand in der Agora herumstreifend irgend einem Griechen, wer es auch gewesen sein mochte, Perikles oder ein Grünwarenhändler, gesagt, daß die Griechen selbstverständlich kein religiöses oder politisches Volk waren, so hätte er sich glücklich schützen müssen, wenn er, nur mit ungläubigem Lächeln quittiert, sich aus dem Staube hätte machen dürfen. Der Einfluß der griechischen Kunst

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.