Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Über einen jüdischen Humanismus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ÜBER EINEN JÜDISCHEN HUMANISMUS 7 Allgemeinheit um. Allenfalls wird die jüdische Tradition von westlichen Juden als ein Rezept zur Tat, als etwas, das getan werden soll, angesehen, etwas, das man entweder buchstäblich befolgt, indem man heute genau dasselbe tut, was vor einigen tausend Jahren getan wurde, oder so, daß heute getan wird, was man glaubt, daß unsere Vorahnen, speziell die Propheten und großen Rabbiner tun möchten, wenn sie in unserer Haut stecken würden. Und in dem Schmettern des Aufrufs zur Tat: Zion aufzubauen, ein Waisenhaus, das irgend jemandem am Herzen liegt, zu unterstützen, Freitag abend in den Tempel zu gehen, einem synagogalen Männerklub beizutreten, Kindern das Aleph Beth beizubringen, so daß sie, groß geworden, Messerslecher werden, wie es bei uns so oft passiert, die Seminarien so zu erhalten, daß immer jemand bei der Hand ist, der trauen, begraben und Reden gegen den Klan halten kann, kurz alles zu tun, was jüdisches Leben genannt wird, in diesem Lärm ist es äußerst schwer, den Laut jener schwachen Stimme Bath Kol zu vernehmen, die nicht zu einem Unternehmen aufruft, keine Formel propagiert, kein Programm bietet, sondern die belebt ist von einem Humanismus, der im allgemeinen von unserer jüdischen werktätigen Welt vernachlässigt wird. Uieser Humanismus, langsam erworben und gemächlich gereift, blüht, wie gesagt, nicht in einem Programm, einer Formel, einem Unternehmen, sondern in einer geistigen Einstellung. Diese Einstellung ist zugleich kritisch bewertend und befruchtend. Sie erwächst zunächst aus einem enthusiastischen und uneigennützigen Aufgehen in der jüdischen Kultur, und dann aus der Konfrontation dieser Kultur mit einer Reihe anderer Welten, die heutige mit inbegriffen. Das klingt ohne Zweifel kompliziert, doch nur, weil ich die ganze Sache in einem Atem hersagen wollte; wenn wir aber ihre Bestandteile einzeln nacheinander durchnehmen, dann wird alles ganz einfach. Der erste Bestandteil, das ist das Aufgehen in der jüdischen Kultur. Unter jüdischer Kultur versiehe ich die Gesamtheit der jüdischen Erfahrung. Ich denke also nicht nur an das Aufgehen in der biblischen Literatur und im Talmud, sondern an ein Aufgehen im vollen Strom der jüdischen Literatur von ,.Im Anfang schuf Gott. . bis zürn letzten Gedicht Bialiks; nicht nur in der jüdischen Literatur der hebräischen Sprache, sondern im jüdischen Schrifttum jeder Sprache, die ein Erlebnis des jüdischen Volkes wiedergibt: das Griechisch des Philo, Paul und Josephus, das Aramäische des Talmuds, das Arabi-