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Menorah · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Article
Über einen jüdischen Humanismus
Date
1930-01-01
Page
Seite 6 (sequence 4)
Language
German
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6 MENORAH Gefühl erfüllt, daß es unmöglich ist, sich in Ziem wohlzufühlen." Wenn die Renaissance wiedererweckter Hellenismus ist, so sind Christentum und Puritanismus Hebraismus, der nach Selbstbeherrschung und Befreiung von der Versklavung durch gemeine Empfindungen strebt. Der Hellenismus legt das Hauptgewicht auf die Einsicht in die Gründe der Verpflichtungen, die man hat, der Hebraismus auf ihre sorgfältige Erfüllung. Wie der Hellenismus den Triumph der geistigen Kräfte des Menschen bedeutet, so bedeutet der Hebraismus den Triumph seiner moralischen Impulse. Hellenismus ist „Anmut und Licht", Hebraismus ,,Feuer und Strenge". Arnold macht irgendwo auf Englands Verwandtschaft mit dem hebräischen Geist aufmerksam; man kann, mit mehr Berechtigung vielleicht, von einer Affinität des modernen Judentums mit dieser englischen Auffassung des Hebraismus sprechen. Westliche Juden — ob sie Arnold gelesen haben oder nicht — pflegen das Judentum durch dessen Zwei-Brennpunktbrille zu betrachten. Das Judentum ist für sie ausdrücklich das Bekenntnis einer Moral, das ist gewisser Sitten und Gebräuche. Manchmal ziehen sie es vor, vom Judentum als von einer ethischen Doktrin zu sprechen. Und da ist Jane Harrisons Übersetzung des griechischen Wortstammes sehr einleuchtend, denn ,,Ethik" (ethea) umschreibt, nämlich wenn das gemeint ist, was das Wort ursprünglich bedeutet, und zwar Gewohnheiten und Gepflogenheiten, unser westliches Judentum mit unumwundener Genauigkeit. Die mehr orthodoxe Betonung der angeblich allumfassenden Trilogie Thora, Awodah und Gemiluth Chassodim ist, ausgenommen die störende Thora, auch nur ein Betonen des Handelns. In den Tempel zu gehen, mindestens zweimal im Jahr, Almosen zu geben, wenigstens so viel, um sich von öffentlicher Schmach zu retten — das sind die Grundlagen der jüdischen Welt. Die Aufforderung zum ernsten Denken, die in der Verpflichtung zur Thora enthalten ist, was zur Einsicht in die Gründe der Pflichten führen müßte, also schnurstracks in das hellenische Lager hinüberführen würde, wird umgangen, indem die Verpflichtung zur Thora dahin interpretiert wird, daß vielen Kindern das hebräische Alphabet und gelegentlich einem Jüngling die Pflichten eines Rabbiners beigebracht werden. Soviel über die ausgesprochen religiösen Juden. Der fortgeschrittenere Flügel hat sich mit dem Feuer und der Strenge" gegürtet. Und in der nicht ganz unrichtigen Annahme, daß sie sich dadurch als Söhne der Propheten bewähren, setzen sie den Hebraismus in Liberalismus, Fortschrittlichkeit, Sozialismus und überhaupt ,,Wirbelmacherei" im Interesse der

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