Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Über einen jüdischen Humanismus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4 MENORAH meint hat, als er „Erkenne dich selbst" sagte, und wenn er Protagoras sagen läßt: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge". Ich mache mich also keineswegs einer Kuppelung mit einem gemeinen Element des modernen Lebens schuldig, wenn ich die Nützlichkeitsmomente in der jüdischen Kultur zu betrachten wünsche, und wenn ich auf sie hinweisen und die Nutzbarmachung dieser Kultur einleiten möchte, die, wie ich glaube, uns als Juden, als Amerikanern und Kindern der westlichen Kultur in einer ausdrücklich humanistischen Weise Dienste leisten kann. Ich bin überzeugt, daß es in der jüdischen Kultur, wenn man sie richtig anpackt und anwendet, Dinge gibt, die nutzvoll und bewertbar sind; Anregungen für weiteres Erwachen unseres Selbstbewußtseins, Wege zu einem tieferen Verständnis unserer eigenen Persönlichkeit und des menschlichen Wesens überhaupt, mit einem Wort, Material, um den Humanismus heutzutage zu bereichern und weiter zu entwickeln. Da ich Worte gebrauche, die einer wohlumschriebenen Bedeutung entbehren, wie Kultur, Humanismus und dergleichen mehr, so will ich, bevor ich noch viel über sie zu schreiben begonnen habe, erst lieber, ohne, wie ich hoffe, pedantisch zu wirken, genau festlegen, wras ich unter diesen Begriffen, über die ich schreibe, verstehe. Ich verstehe unter jüdischem Humanismus nicht die weltliche Seite der jüdischen Vergangenheit oder Gegenwart, die Dr. H. M. Kallen und vielleicht auch andere Hebraismus genannt haben. Ich will mich hier auch nicht mit jener Gesamtheit der alten jüdischen Geschichte (der religiösen ebenso als der weltlichen) befassen, die in einer Sammlung von Grundsätzen, was man so „Lebensphilosophie" nennt, verschiedenartig aufgefaßt, verschiedenerorten den Namen Hebraismus erhalten haben. Mit anderen Worten, ich verstehe unter jüdischem Humanismus nicht antike hebräische Soziologie oder moderne hebräische Poesie. So viel darüber, was ich nicht meine. Leider kann, was ich meine, nicht ebenso kurz gesagt werden. IViit dem Worte Hebraismus spielend, fühlte ich mich veranlaßt, Matthew Arnolds Kapitel „Hellenismus und Hebraismus" nachzulesen, und im Zusammenhang damit auch den Rest jenes in der Jugend so geliebten Buches „Kultur und Anarchie", in dem jener Abschnitt vorkommt. Ich machte nun die Entdeckung, daß, was ich als jüdischen Humanismus im Sinne habe, eher dem ähnlich ist, was Arnold als Hellenismus bezeichnet. Lind ich bemerkte zugleich, daß die Arnoldsche Konzeption des Hebraismus, die, wie die Dinge stehen, von