Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Über einen jüdischen Humanismus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- 3 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH VIII. JAHRGANG JÄNNER/FEBRUAR 1930 NUMMER 1/2 ÜBER EINEN JÜDISCHEN HUMANISMUS raktisch ist unsere Welt und von allen Völkern, die in ihr leben, I genießen wir Amerikaner den Ruf, die praktischesten zu sein. Und wenn es etwas gibt, das uns über alles in der Welt geht, dann ist es dies: zu beweisen, daß irgend etwas von Nutzen ist. Erst nach unserer Vorliebe, uns mit nützlichen Dingen zu umgeben, kommt unsere Sucht, Methoden zu ersinnen, um deren Nützlichkeit zu messen. Wir denken gerne daran, daß wir ein Land der Statistiken, Umfragen, Vermessungen, Wettbewerbe und Ballotagen sind. Wir haben unsere Freude an Dollar- und Centberechnungen, an Ernteabschälzungen in Schädeln und Tonnen, an Bevölkerungszähhmgen und Perzenttafeln; und wenn wir auch Literatur nicht gemäß einem Überblick über die ,,bestseller" im Ozarkgebirge beurteilen, so ,,messen" wir doch Religion durch Aufstellen von Rekorden im Besuch der Bibelklasse. Kein Amerikaner ist auch so ungebildet, daß er die mutmaßliche Einwohnerzahl seines HeimaLslädt-ehens nicht hersagen könnte. Diese amerikanische Leidenschaft für Nutzbarkeit und Messungen, die zweifellos von der ganzen westlichen Welt geleilt wird, kann nicht durch Epitheta wie ,,Materialismus" oder ,,Utilitarismus" abgetan oder verspottet werden, denn, im Grunde genommen, ist das die natürliche Blüte jener Wiederentdeckung der Welt, die die Historiker vage Renaissance und wTir Modernen die wissenschaftliche Einstellung nennen. Es ist das anfänglich schwache und deshalb natürlich ein wenig kindische Erwachen zum Selbstbewußtsein von seifen ganzer Gemeinschaften. Es ist ein Abwenden der menschlichen Aufmerksamkeit von den Göltern auf die Menschen, vom großen Jenseits auf den kleinen Weg vor sich, von kosmischen Träumen auf Krähwinkelangelegenheiten und sicher ist es auch nicht weniger ein Abwenden von kleinstädtischer PfafTengewißheit zu einem universellen Skeptizismus. Kurz, es ist die Essenz des Humanismus, sofern wir darunter die Lebenseinsteiking verstehen, die allgemein als die griechische gilt. „Wozu ist es gut?" und „Wieviel ist es wert?" ist, in weiter Fassung, was Sokrates ge- Von Mar vi n L ö w e n t h a i