Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Versuch einer Charakteristik Otto Weiningers
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 631 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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VERSUCH EINER CHARAKTERISTIK 631 und Rubinstein und viele andere? Und Disraeli, hätte er im Namen eines großen Volkes auf Kongressen sprechen können, auf denen sich das Schicksal Europas entschied, wenn sein Vater nicht in kluger Voraussicht ihn im dreizehnten Jahre hätte laufen lassen? Wahrhaftig, das jüdische Volk ist ein Volk von Narren. Man verlangt von uns, daß wir an allen Streitigkeiten teilnehmen. Und wenn dann die Sache vorüber ist, will man, daß auch wir verschwinden. Und wenn wir dableiben, wir Ungeschickten, dann fühlen wir bald, daß wir uns für die andern geschlagen haben und nicht für uns. In dem Drama von Max Nordau, dem ,,Dr. Kohn", hört plötzlich der Soldat Moses am Abend von Sadowa, nachdem er den ganzen Tag mit seinen Kameraden im Feuer marschiert ist, nachdem er erschöpft ist wie sie und sein Blut aus drei Wunden fließt, in der Ruhe der Nacht hunderttausend Kehlen den Choral von Luther anstimmen. Er ist in der Stunde des Triumphs von dem heiligen Gesang ausgeschlossen, ein Fremder in der Mitte der Seinen. Er kann nicht an den Gott glauben, dem alle danken. Aber eher hätte er ihm tausend heiligenschänderische Gebete zugerufen, als noch einmal allein zu bleiben mit geschlossenem Mund in der Mitte überfließender Herzen. Er verläßt seinen jüdischen Namen und verlangt die Taufe. Der Kampf des jungen Philosophen mit seinen Gedanken führt zu „Geschlecht und Charakter" und zur Konversion zum Protestantismus; Seelenruhe nach dieser Schlacht; dann bricht alles Gehinderte, Gestaute jäh hervor und der Ansatz zu dem endgültigen Zusammenbruch wird sichtbar auf seiner Reise (Flucht) nach Italien. Ende September ist der dem Untergang Verfallene wieder in Wien. Ach, keine Systeme mehr! Ruh aus, verwundet Haupt. Hände, leichte Hände ihr, Leichte Multerhände ihr, Der Geliebten oder Braut, Kühlt ihn doch und streichelt ihn!!! Welche Hände werden seinen Kopf wieder kühlen? Unter den Frauen, die er gestäupt, gibt es doch solche, die ihn bewundern. Aber er kennt kein bittereres Leiden als gewisse Bewunderungen und er verachtet diese Frauen, von denen Weininger sicher ist, daß keine sein Buch wirklich verstehen kann, zu sehr, um von ihnen die Frische ihrer Hände zu erflehen. Seine jüdischen Freunde? Er hat einen Abgrund zwischen sich und den Juden gegraben. Und die Christen?