Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Versuch einer Charakteristik Otto Weiningers
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 632 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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632 M E N O R A 11 In der großen Stadt, in der Weininger mit seinem treuen Freund, dem Dr. Lucka, umherirrt, sieht er getaufte Juden. Was hat sich in ihrem Leben seit ihrer Bekehrung geändert? Sie leben immer allein, in einer eigenen Welt, zwischen den Juden, die sie verlassen haben und jener christlichen Gesellschaft, nach der sie verlangen und die sie nicht aufnimmt. Und ihre Söhne können nur Jüdinnen heiraten oder Töchter von Getauften. Und dieses neue Ghetto, in das sie getrieben werden, ist schlimmer als das alte, weil man dort wenigstens träumen konnte, daß die alten Mauern einstürzen werden. In diesen weiß man wohl, daß man für immer eingeschlossen ist. Das ist die Zukunft, die auf Weininger wartet, der Christ geworden ist, nicht aus niedrigen Motiven wie jene Bankjuden, sondern weil das Reinste, Größte in dem übermenschensgroßen Christus ihn gerufen hat. Er wird für alle der kleine jüdische Student bleiben, dem man wegen seiner frühreifen Intelligenz Komplimente macht, den man wie einen Junggesellen zum Essen einlädt, in ein Gasthaus, aber dem man nicht die Türen öffnet und die freundschaftliche Vertrautheit eines christlichen Heimes anbietet. Wahrhaft, das ist ungerecht. Der Christ macht uns glauben, daß er vom Juden nur die Taufe verlangt. Und wenn wir ihm geglaubt, wenn wir alle Fäden hinter uns abgeschnitten haben, dann ruft er uns lachend zu: Halt da! Nicht so schnell, noch eine kleine Zwischenstation! Andere Haare, weg mit dem Jargon, ein anderes Gesicht! Die Verteidigung ist geschickt. Ihre Witterung schützt sie. Diese Christen fühlen, daß man den Juden nicht ausreißen kann. Ich habe das Unmögliche gewollt; die Rasse ist stärker; und meine kantische Intelligenz ohne Grenzen, mein freier Wille sind an ihr gescheitert. Mußtest du, trunkener Junge, dich ohne Klugheit in diese armselige Philosophie der Emporkömmlinge stürzen, die an den Menschen glauben machen wollen als an den Gesetzgeber der Welt und seines eigenen Wesens, weil ihr Kopf um einige Daumen die übrigen Lebenden überragt? Ich habe dem Abgrund entfliehen wollen. Ich habe den Abgrund wiedergefunden. Nein, es gibt keine Seele und die Unsterblichkeit ist nur ein i\ufschrei unseres Hochmuts, unserer ruhmgierigen Selbstsucht. Ich verdamme mein Buch. „Was liegt daran," sagte Lucka, „wie du heute denkst. Dein Buch ist ohne Fehler. Du mußt dich ausruhen. Tausend junge Menschen halten zu dir, bewundern deinen Geist, der Synthesen schaffen kann,