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Menorah · 1929-11-01 · Heft 11-12 (November 1929) · p. Seite 630

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 11-12 (November 1929)
Article
Versuch einer Charakteristik Otto Weiningers
Date
1929-11-01
Page
Seite 630 (sequence 6)
Language
German
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630 MENORAH Gold, trägt der Christus die Aureole und Judas bekommt, gesenkten Hauptes, die dreißig Silberlinge. Auf der behauenen Stirnwand der Kathedralen sieht die siolze Kirche mit ihren schönen schiefen Augen die Synagoge an, deren Augen verbunden, deren Lanze zerbrochen und die besiegt ihre umgestürzten Register fallen läßt. Und unsere Meister, die wir zu lesen lieben, die unsere Seele bilden, geben sie uns Mut. gegen unseren Fluch zu kämpfen? Wie lesen Goethe. Und Goethe, von Spinoza genährt, Goethe, der in seiner Jugend, in kurzer Hose und mit Seidenstrümpfen angetan, das Kleid abstreifte, um mit dem kleinen Volk eine Kette zu bilden, die den Juden helfen sollte, den Brand des Frankfurter Ghettos zu bekämpfen, Goethe liebte die Juden nicht. Hat es Wagner wie Racine gewagt, eine jüdische Tragödie zu schreiben? Nein, er verachtete uns und er zwang uns, Tannhäuser zu lieben, der nach Rom zieht, und Parsifal, der die heilige Lanze sucht und den Gral. Für ihn ist das Wort „Jude" Mittelmäßigkeit und Niedrigkeit. Im Mund Victor Hugos ist es eine Beleidigung. Und wenn wir die Bücher jenes Mannes ölTiien, der die schönste Geschichte des jüdischen Volkes geschrieben hat, dann hören wir, wie er uns verdammt: „Der Fortschritt", ruft er uns zu, „wird in allen Ordnungen darin bestehen, sich immer mehr vom jüdischen Geist zu entfernen und eine Zartheit zu gewinnen, die den rauhen Naturen des alten Bundes unbekannt ist." Großväter, die ihr starrköpfig fern von den Völkern wohnt, in deren Mitte das Schicksal euch zu leben heißt, und die ihr euren Enkeln die Straßen der strahlenden Welt versperrt habt, die sich vor ihnen öffnete, sollen wir euer Heldentum nachahmen oder eure Dummheit verfluchen? Sollen auch wir, aus falschem Hochmut auf den engen Spuren marschieren, die ihr ausgetreten habt, und unsere Söhne mitschleifen? Setzt das Rebhuhn sich herab, wenn es weiß wird, um dem Schnee zu gleichen, durch den es läuft, oder der Schmetterling, wenn er seine Farbe auslöscht, um wie das Blatt auszusehen, auf das er seine Eier legt? Und diese Marranen Spaniens, sind sie gemein, weil sie das edle spanische Leben dem schmutzigen Leben im Ghetto vorgezogen haben? Und die Juden Rußlands, die, statt zu vegetieren und im Rayon eingesperrt zu sein, den orthodoxen Russenglauben annahmen, damit sie ohne Hindernis das weite Rußland durchqueren können und dem Vaterland Diplomaten, Gelehrte, Generale geben? Und wäre der Sohn des Tuchhändlers in Düsseldorf Heinrich Heine geworden, wenn nicht einige Tropfen eines gewissen salzigen Wassers seine Stirn besprengt hätten an dem Tag, an dem er von Ruhm träumte? Und Ludwig Börne und Rahel Lewin und Henriette de Lemos und Mendelssohn-Bartholdy

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