Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Versuch einer Charakteristik Otto Weiningers
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 629 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912891-2912899-2924410--08530-2924600- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
VERSUCH EINER CHARAKTERISTIK 629 ist schuld, wenn er in ihren Augen kein Vergnügen ist. Und er verflucht jene, die ihn an den Tag gebracht. Und er haßt sich selber. Wenn das jüdische Kind wenigstens glauben könnte, es leide für eine gerechte Sache. Wenn ihm stolze, fanatische Menschen wenigstens gesagt häUen: „Du bekommst Schläge, schlag zurück, wo immer du kannst!" Du bist zwar einer gegen zehn. Die Rache wird nicht immer deine Freude sein. Aber du kannst die Ungerechtigkeit einstecken, wenn du denkst: ,,Ich bin ein Auserwählter Gottes. Sie beten Götzen an!" Und du wirst die Streiche der Götzenanbeter nicht spüren, deine Ohren werden ihre Schmähungen nicht hören. Der Glaube der Eltern Weiningers hatte kein rechtes Leben mehr. Sie müssen verdienen und können die Arbeit an den jüdischen Festtagen nicht unterbrechen, weil die zu anderen Zeiten fallen wie die christlichen; sie feiern auch den Sabbat nicht, der am Freitag bei Einbruch der Dämmerung einsetzt und bis zum ersten Leuchten der Sterne am Samstag dauert. Sie haben nach und nach alle Vorschriften ihres Glaubens vergessen und sie zögern, dem Sohn eine Religion aufzuzwingen, die ihm ständige Hemmung sein wird und stete Gelegenheit, an den Pranger gestellt zu werden, statt ihn sanft durchs Leben zu führen. Er bekommt ein Stückchen jüdischer Geschichte zu hören, über die man lächelt, er lernt einige Gebete in hebräischer Sprache, die man nicht versteht, er weiß von einigen Abendmahlzeiten vor dem Neuen Jahr und zu Ostern. Das gibt eine feste Moral und ein wenig Religion. Und bei den orthodoxen Nachbarn gibt es die seltsamsten Gebräuche; Rabbiner im schwarzen Kleid, mit einer hohen Mütze aus Zobelmarder bedeckt, von der auf jede Wange Locken, wie Korkzieher gewunden, herabbaumeln, eilen nach vorne, wenn der Priester im Tempel das Gesetz umherträgt, das mit Stickereien, mit silbernen Platten und Glöckchen geschmückt ist, und sie verneigen sich, küssen es und berühren es mit den blauen Fransen, die von ihrem weißen Schal aus Seide herabhängen. Bei den liberalen Nachbarn hingegen wird den Zeremonien der alten Religion jene Größe, die vom Orient kommt, genommen, jene rauhe Köstlichkeit, die die Jahrhunderte hineingetragen haben. Und das Kind studiert. Die Bilder seiner Geschichtsbücher zeigen ihm Baudenkmäler, Tempel jener griechischen Rasse, die noch stammelte, als die seine der Welt schon die schönsten Lieder und den Schatz der Weisheit gegeben hatte. Doch seine Rasse hat nichts hinterlassen als einige Haufen Steine, Inschriften und arme Gräber. In den Museen, wo er umherschaut in dem sanften Licht des alten Rot und