Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Versuch einer Charakteristik Otto Weiningers
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 628 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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628 MENORAH glaubt. Es war uns Stolz und Trunkenheit, die gleiche Luft in den gleichen Straßen wie die andern atmen zu dürfen, mit ihnen gleichgestellt zu sein, aus den gleichen Büchern, in den gleichen Schulen lernen zu dürfen, wählen und die gleichen Steuern zahlen zu können, mit Gold und Blut, Recht auf die gleiche Kleidung zu haben, auf den gleichen Gruß, von den gleichen Händen gepflegt zu werden wie sie und in der gleichen Erde zu ruhen. Und wenn die andern die Waffen nicht strecken, wenn selbst die Nachkommen der Familien, die lange nach uns sich angesiedelt haben, uns als Feinde behandeln, dann beschuldigen wir nicht sie des bösen Willens oder des Hasses, sondern wir befragen uns selbst. Und wir fragen uns, ob wir alles gemacht haben, um ihnen ähnlich zu werden, ob wir uns mit genügend Gehorsam ergeben haben, ob nicht in unseren Kleidern, unseren Blicken einige Spuren vergangener Gewohnheiten stehengeblieben sind, die uns wieder aus dem breiten Strom eines gemeinsamen Lebens hinausgetrieben haben. Und wenn der Vater bei einem seiner Kinder eines der Worte, eine der Bewegungen wiederfand, die er so genau kannte, weil sie noch vom Großvater herstammen, dann sagte er: mach' das nicht, das ist jüdisch. Da das, was jüdisch ist, nicht gemacht werden soll, so ist es wohl das Schlechte; und was der Nicht-Jude macht, ist gut. So gibt der, den wir lieben, den Kameraden recht, die uns zurückweisen! Wir haben uns also wie kleine Barbaren gegen unsere Lehrer benommen. Wir hätten nicht die Hände ausstrecken sollen und unser Herz öffnen. Das ist jüdischer Überschwang. Wir hätten in der Ecke bleiben sollen, bis man uns holen kommt. Warum auch die jüdische Eile? Dieses drängende Verlangen, gut aufgenommen zu werden? Seien wir doch bescheiden! Warten wir, bis man uns ein Zeichen gibt, seien wir taktvoll zurückhaltend! Und wir beobachten uns, überwachen unsere Gesten, halten unsere Leidenschaft zurück, wir verbergen unsere Gedanken. Nun sagt man wieder, daß wir heuchlerisch, hinterhältig, hinterlistig sind. Wir haben uns also wieder geirrt. Machen wir es doch besser! Und immer wieder haben wir nur Mißerfolg; und wir fragen uns aus: „Was habe ich heute gemacht, daß der Junge da mich so bös ansieht?" Das jüdische Kind, immer schuldig und immer des Gegenteils beschuldigt, fragt schließlich nicht mehr, ob seine Ankläger ungerecht oder dumm sind, es sagt nur: „Was also ist mein Fehler?" Der Häßliche, der von den einen zurückgestoßen und von den andern verspottet wird, senkt die Augen und errötet, wenn jemand vorübergeht. Nicht die Menschen haben unrecht, wenn sie auf ihn einen Blick ohne Mitleid werfen, er