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Menorah · 1929-11-01 · Heft 11-12 (November 1929) · p. Seite 627

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 11-12 (November 1929)
Article
Versuch einer Charakteristik Otto Weiningers
Date
1929-11-01
Page
Seite 627 (sequence 3)
Language
German
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VERSUCH EINER CHARAKTERISTIK 027 Gebt ins Gymnasium ein Kind von zehn Jahren, das voll Eher und Fröhlichkeit ist. Seine Kameraden nehmen es auf, spielen mit ihm. Aber eines Tages fragt einer: „Warum warst du Sonntags nicht in der Kirche?" „Ich gehe nicht in die Kirche." „Und -warum nicht?" Kr antwortet. Das Spiel hört auf, und das Kind ist nun allein. Es verstellt erst nicht. Seine Ellern erklären ihm alles. Und er hat keine anderen Kameraden mehr als einige kleine Juden, die so sind wie er. Und wenn ihm diese kleinen Kameraden nicht gelallen? Wenn sie nicht die gleichen Liebhabereien, das gleiche Benehmen haben? Wenn sie reicher sind als er und, selbst ohne es zu wollen, ihn zurücksetzen? Muß er trotzdem bei ihnen bleiben und nicht bei jenen, denen sein Herz vom ersten Tag an so ehrlich zugestrebt hat? Nun steht er beiseite. Allein. Sein Herz verschließt sich und das Studium wird seine einzige Freude. Er wird den Kopf vollfüllen, weil er nicht lieben darf. Und da er nicht geliebt werden kann, so soll er zum wenigsten bestaunt sein. Und er ist immer den andern voraus, sehr den andern voraus, und er wird einer, der die Lehrer beunruhigt, den die Kameraden beneiden und verachten. Auch er verachtet sie. Er glaubt nur mehr an seine Eltern, die seine wahren Freunde, seine wahren Lehrer sind; an diese jüdischen Eltern, Geheimnis der jüdischen Kraft, die nicht an sich selbst denken, sich alles Vergnügens berauben, ja des Nötigsten, um ihren Söhnen Erziehung und Wissen geben zu können. Aber diese herben Familiensitten, bei denen jede Bewegung vom „Gesetz" ausgeht, und welche die gläubigen jüdischen Massen so sehr über ihre muselmanische und christliche Umgebung gehoben haben, verfallen von Tag zu Tag. Die Väter beobachten sie noch ein wenig, aber sie wagen es nicht mehr, ihren Söhnen zu raten, ihnen zu gehorchen. Wenn vor langen Zeiten auf öffentlichen Spazierwegen die Aufschrift zu lesen war: „Hunden, Schweinen und Juden ist hier der Eintritt verboten!" wie sollten wir uns wehren, mit unseren langen Barten, unseren Ohliocken, unserer Sprache und unseren orientalischen Gesten? Zu Hause aber, in dem kleinen Reiche, das von Mauern umschlossen war, die das Lachen von draußen nicht einließen, gehorchte man mit Freuden den jahrtausendealten Überlieferungen. Eines Tages erklärte das Gesetz des Landes, daß wir Bürger wie jedermann wären. Und wir haben an die Aufrichtigkeit des Pakts ge-

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