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Menorah · 1929-11-01 · Heft 11-12 (November 1929) · p. Seite 626

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 11-12 (November 1929)
Article
Versuch einer Charakteristik Otto Weiningers
Date
1929-11-01
Page
Seite 626 (sequence 2)
Language
German
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626 M ENOR A Ii Meister erkennt. Sie kommen unaufhörlich zusammen, verbringen Nächte miteinander, allein, mit wohlgewählten Freunden. Weininger berichtet ihnen von seinen Arbeiten und entwickelt seine Pläne. Er hat eben eine Doktorarbeit über die „Sexuelle Frage'4 beendet. ^ie waren nicht alle keusch. Die Wissenschaft kennt das Verlangen der Menschen. Sie empfiehlt Vorsichl. Aber sie sieht den Spielen der Natur mit Wohlwollen zu und wie würde sie es wagen, jungen Menschen zu raten, sich Lippen zu verweigern, die ihren frischen Gesichtern zulächeln, geöffnete Arme wieder ineinander zu schließen, die sich bieten, um die mit dem Wachsen kämpfenden jungen Körper zu entspannen, diese armen, zu nackten Arme, in denen sie ruhig, aber im Herzen voll Wut und Ekel erwachen. Es erniedrigte Weininger, daß er, ein Mensch, dessen Leben der Geist ist, gezwungen war, seine Bücher zu verlassen, die Bewegungen jenes Gedankens, der seine Aufgabe und sein Stolz ist. aufzuhalten, um diesen niedrigen Befehlen zu folgen, diesen wilden Trieben, die jede Arbeit unterbinden, bis wir ihnen gehorcht haben. Er haßte die Frau, um derentwillen der Mann lächeln, lügen muß. der er sich unterwirft, bis er von ihr erhalten, was sein Körper ihn von ihr zu erhalten zwingt. Er hätte es gewollt, daß man aus den Bibliolheken die jungen Mädchen hinausjage; sie würden ihr Geschlecht verborgen halten, wenn sie in Wahrheit hierher kämen, um zu lesen und zu denken, und sie drängen es durch ihren Schmuck auf, bringen es durch ihren Duft nahe, um die Sinne toll zu machen, die wir in Ruhe zu halten versuchen. Er verfluchte die Frauen, die die Arbeit des Mannes verwirren. Er war ein großer und magerer Junge, mit beweglichem Antlitz. Aber plötzlich verging das Funkeln seiner Augen und sein Gesicht bekam einen verschlossenen Ausdruck. Er hatte indessen keine materiellen Sorgen. Er war kein armer Student. Sein Vater, ein Kunsthandwerker, verdiente nicht wenig und half ihm. Er konnte, wann er wollte, seine Mahlzeiten daheim einnehmen. Er verdiente ein wenig Geld, indem er Stunden gab. Intellektuelle Sorgen also, nicht mehr. Die Dissertation ging weiter. Er war der Methode sicher, der er in ihr folgte. Da er fest im Empirismus seiner Lehre zu Hause war, hielt er sich entschlossen von jeder Metaphysik fern und betrachtete die Geister, welche sich mit dem Rätsel der Welt befaßten, wie schöne Fälle, die von den Psychologen oder Irrenärzten studiert werden und die Beklommenheit vor Gott als einen Schwindel der Pubertät. Aber Otto Weiniger war Jude.

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