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Menorah · 1929-11-01 · Heft 11-12 (November 1929) · p. 625

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 11-12 (November 1929)
Article
Versuch einer Charakteristik Otto Weiningers
Date
1929-11-01
Page
625 (sequence 1)
Language
German
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ANDRE SPIRE: VERSUCH EINER CHARAKTERISTIK OTTO WEININGERS m Jahre 1901 kommen in Wien einige junge Leute einmal in der I Woche zusammen. Sie lesen. Sie plaudern. Ein Studienzirkel. Die Versammlungen linden in einem Atelier stall, das von einem Freund geliehen wird. Der Wissendste wird gebeten, die Vorlesung zu leiten. Und über einige Stellen wird stundenlang gestritten. Der Kreis ist nicht geschlossen. Man hat das Recht, Kameraden mitzubringen, welche die Diskussion klären hellen. Eines Tages heißt der Eingeladene Otto Weininger, der unter den Studenten der Philosophie schon berühmt ist. Er kennt die Hauptspraehen Europas. Er ist über alles auf dem laufenden, was im Bereich der Psychologie und der Erkenntnistheorie geschrieben wird und hat sogar im vergangenen .Fahr an den Arbeilen eines Kongresses für Psychologie in Paris teilgenommen. Seine Anwesenheit wird von Nutzen sein, denn er ist ein entschiedener Schüler des deutschen Philosophen Avenarius, von dem die Mitglieder dieses Kreises in diesem Jahr gemeinsam die ..Kritik der reinen Erfahrung'' studieren. Aber Weininger bleibt während des ganzen Abends last gänzlich stumm. Ein- oder zweimal macht er eine Bemerkung, gibt er seine Meinung zum Besten. Das Gespräch findet sein Ende. Man geht heim. Während nun auf der Straße die Diskussion ohne Ende weilergeht, wie das unter erregten jungen Leuten vorkommt, entfernt sich Weininger mit einem Mitglied des Kreises, dem Dr. Lucka, und sie gehen den gleichen Weg. Weininger ist um einige Jahre jünger als sein Begleiter. Und weit weg von den anderen, mit ihm allein, erschließt er sich. Sie sprechen von ihren Ideen, von ihren Arbeiten. Beide lieben die gleichen Studien. Über viele Fragen einigt sich ihr Denken. Beide erschreckt der Einfluß, den die moderne Gesellschaft den Frauen läßt und sie verachten die Philosophie der ,,Verlobten und Hebammen", die von Ellen Key und ihresgleichen verbreitet w ird. Eine Freundschaft weichst empor. Lucka, der von diesem ungeheuren Gedächtnis, von dieser unermüdlichen Arbeitsfähigkeit, von der Reife dieses einundzwanzigjährigen Kindes entzückt ist, muß Weininger wiedersehen, in dem er seinen Ich wollte, man begänne damit, sich selbst zu schätzen, alles Übrige strömt dann nach. Nietzsche.

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