Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Hilel Zeitlin
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 593 (sequence 2)
- Language
- German
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HILEL ZEITLIN 593 Argumente der Kabbaiisten und ihrer Gegner, derjenigen aus dem religiös-konservativen und derjenigen aus dem kritischen Lager gegeneinander und! entscheidet sich für das hohe Alter und die Ursprünglichkeit der jüdischen Mystik sowohl aus dein äußeren Grunde einer historischen Kette, die über den Talmud bis zur Bibel reicht, wie aus der inneren Forderung, die für andere Geistesgebiete gewöhnlich viel eher respektiert wird, erst von ihrem eigenen Wesensgehalt und von ihrer eigenen Methodik aus auch ihre Geschichte zu beurteilen. Die Eigenmethodik der Kabbala bezeichnet Zeitlin als „Herzensschau", eine mehr verinnerlichte Stufe der „Intuition" als der spezifischen Methodik der Metaphysik. Die historische Problematik der Kabbala erklärt sich aber für Zeitlin eben daraus, daß die gedankliche nicht mehr die ursprüngliche Form der Kabbala, vielmehr eigentlich erst deren Einkleidung oder Erklärung bedeute. Aus der Voraussetzung einer alten, in ihrer Darstellungsform wandelbaren, als Geheimnis gehüteten Lehre, welche erst spät der allgemeinen Kenntnis zugänglich gemacht wurde, begreift sich auch die Entstehung des Soharbuches, das weder von Simon ben Jochai niedergeschrieben, noch von Mose de Leon, der ihm die Autorschaft zuschrieb, gefälscht worden sein konnte, sondern auf Grund bereits früher kursierender Geheimschriften, deren Inhalte im wesentlichen auf den Kreis Simon ben Jochais zurückgehen und von den Epigonen der weiteren Jahrhunderte weiter entfaltet wurden, zuletzt von Mose de Leon, der auch noch aus eigenem hinzutat, am Ende des 13. Jahrhunderts gewissermaßen kodifiziert wurde, in einer Zeit, als der äußere Glanz der mittelalterlich-jüdischen Kultur und Philosophie zu erbleichen begann. Für Zeitlins geistiges Schaffen zentral erscheinen mir seine Darstellungen des Chassidismus, wie er sie unter anderem in zwei zeitlich weit auseinanderliegenden Büchern, deren eines hebräisch, das andere jiddisch geschrieben ist, gegeben hat. Sie unterscheiden sich von den nicht wenigen, den Chassidismus behandelnden literarischen Erscheinungen der Gegenwart durch die Unmittelbarkeit, mit der sie aus dem Geiste des Chassidismus selbst geschöpft sind, wodurch sie in besonderem Maße das Gepräge des stark Persönlichen und des objektiv Richtigen zugleich annehmen. Gleich entfernt vom seichten Historismus und oberflä-chlicher Kritik wie von gedankenloser Wundergläubigkeit, wollen diese Darstellungen die Tiefen des Chassidismus beleuchten, die sich zur Kabbala wie Gefühl zum Gedanken, zur Philosophie wie Leben zu Abstraktion verhalten. Das hebräische Werk tut dies systematisch, gänzlich auf den Gedankengehalt eingestellt. Das jiddische, durchwegs volkstümlich gehalten und hie und da in dem für Zeitlin ja oft charakteristischen „Mussarstil" geschrieben, enthält in loser Form Charakteristiken einzelner Persönlichkeiten, Reproduktionen chassidischer Gedanken und Betrachtungen aus deren Geiste heraus, von denen manche (einigermaßen ähnlich wie bei Berdyczewski) an den Grenzen des Schöngeistig-Lyrischen stehen. (Besonders charakteristisch in dieser Beziehung ist dler „Brief Berele ha-Chassids".) Als Bekenner und Lyriker wagt aber Zeitlin auch den Schritt ins ganz Persönliche, so in einigen, seiner Aufsätze, namentlich aber in seinen „Gebeten", Zwiegesprächen der Seele mit Gott, und in Tagebuchblättern, die in der Zeit des Krieges geschrieben, also auch ein „Kriegstagebuch" besonderer Art bilden. Zugleich mit der Hölle der Gegenwart — man denke nur, daß man in Polen auch die schrecklichen Pogrome erlebte — mit der Zersetzung des sozialen und speziell auch des jüdischen Lebens glaubt Zeitlin in dieser halb revolutionären, halb apokalyptischen Zeit auch die „Wehen des Messias" zu verspüren. Aus solchem Erleben, verbunden mit der Vorstellung, daß das Heil der Welt mit dem Israels auf das engste verbunden sei, sind auch seine zwei jüngsten Schriften entsprungen: „Wort an die Völker" und „Buch der Einzelnen", zum Teile in prophetischem, zum Teile im Soharstil, leider nur zum Teile