Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Hilel Zeitlin
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 594 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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594 MENOKAH schlicht persönlich gesehrieben, worin, gleichsam im Namen Israels, die einzelnen Völker, die mit seinem Schicksal verbunden sind, und anderseits, gleichsam im Namen zweier unbestimmt geplanter Bünde zur inneren Heiligung des jüdischen Lebens, die Besten des jüdischen Volkes aufgerufen werden. Wenn es auch unwahrscheinlich ist, daß jene Anrufe, die gar nicht die Eigenkräfle und — Ziele der Völker berücksichtigen, sie auch nur erreichen und auch die Rufe nach dem „Chassidismus" der Zukunft vielleicht die stärkste Aktivität noch nicht aus dem tiefen Leiden, die lenkenden Kräfte noch nicht aus dem Chaos herausholen, so sind solche einsame „Rufe aus der Wüste" doch symptomatisch und mehr als dies: man muß sie hören, wenn aus Chaos und Schablone zu Leben und Geist wieder der Weg gefunden werden soll. Emst Müller Aus den „Gebeten* von Hilel ZeitUn In den Tiefen der Nacht — Schweigen, Schlaf. Mein Herz ist wach. Ich wache7 Du wachst — bleiben wir beisammen! Ich ergieße meine Regung vor Dir, Du ergießest Deine Regung vor mir. Du lauschest meiner Stimme, ich lausche Deiner Stimme, wollen wir ewig verbunden bleiben! Ich schreie jetzt nicht mehr vor Dir, erbitte nichts von Dir. Ich bin bei Dir und Du bist bei mir--- Soll ich mein Lied vor Dir singen1? Soll ich mit Posaunen vor Dir blasen? Soll ich meine Tränen vor Dir ergießen? An Gesang und Posaunenblasen hast Du kein Gefallen, Weinen und Seufzen begehrest Du nicht. Was sollen Dir meine Tränen? Was sollen Dir meine Seufzer? Ganz bin ich Dein. Was sollen Dir meine Wünsche? was mein Begehren? Ganz bin ich Dein. Was soll Dir meine Sehnsucht? Was soll Dir mein Verlangen? Ganz bin ich Dein. Was sollen Dir Worte, was sollen Dir Reden? Komm nur zu mir, tritt ein in mich — wortlos! Tag und Nacht schrei ich vor Dir — Tag und Nacht wein' ich vor Dir — ohne Antwort. Es schreien zu Dir meine Tiefen ohne Antwort. Es sehnt sich zu Dir der verborgene Punkt meiner Seele — ohne Antwort. Einst, in Vergangenheitstagen, wenn ich zu Dir suchte, weinte, flehte, schien es mir, als ob Du Antwort gäbest. Jetzt sind hohe Mauern zwischen mir und Dir, eiserne Tore verschließen ein Gefängnis. Aber durch Deine Heiligen hast Du gelehrt: „Alle Tore sind verschlossen, außer den Tränentoren." Auch diese sind jetzt zugeschlossen, und niemand öffnet. „Hoffe auf Gott, sei stark und getrosten Herzens!" „Und wenn du betest und nicht erhört wirst, dann bete wieder!'1 Bis zu meinem letzten Atemzuge will ich nicht aufhören, mein Gefühl vor Dir zu ergießen. Mein letzter Atemzug — Klage und Gebet! Mein letzter Atemzug — Deines Geistes Kuß! Mein letzter Atemzug — ein Tropfen im Meere, Geist im Geiste, Strahl in der Sonne, Odem im Odem der Welt. .. Eine weiße Taube stand an meinem Fenstergesims. Möchte sie Dein Heil verkünden! Ein leichter Hauch strich über mein Antlitz! Möchte er Deinen Friedensgruß mit sich tragen! Eine Woge Licht brach in meine Kammer — möchte es ein Gesicht des Trostes offenbaren!