Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Der Adoptivsohn
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 590 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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590 MENORAH er einmal vom rechten Weg ab, so führt man ihn zurück. Was eine Mutter ihrem eigenen Fleisch und Blut sagt, das dringt ihm ins Herz. Das Mädel wegzugeben wäre wieder schade, es ist eine tüchtige Person und bis auf das kann man ihr nichts nachsagen." „In mir hat sich geradezu ein Haß gegen den Burschen entwikkelt, das können Sie sich vorstellen. Und meiner Frau wird es nicht gut in seiner Gegenwart. Da sitzt ein Fremder bei Tische und ißt für drei. Und wir sitzen dabei und sprechen kein Wort. Ich glaube, man muß vor ihm auf der Hut sein. Stellen Sie sich vor — Tag für Tag, am Sabbat und an Feiertagen einen Räuber im Hause zu haben und ihn zu füttern! Als einmal bei Nacht Diebe bei Schmul Schachlin eindrangen und ihn überfielen, dachte ich mir: Was fange ich an, wenn mein Adoptivsohn um Mitternacht aufsteht und mich umbringt? Ein Wahnsinn! Aber ich sage Ihnen, diesen Wahnsinn habe ich mir in allen Einzelheiten ausgemalt: Er schleicht herbei, eine Kerze in der Hand, das Gesicht mit Ruß geschwärzt, und geht daran, mich zu binden; meine Frau liegt schon gebunden im Bett, ein Taschentuch als Knebel im Mund. Hundertmal habe ich vor dem Einschlafen nachgesehen, ob die Schlüssel unter dem Kissen liegen, und wenn ich sie eben noch gespürt und weit hinaufgeschoben hatte, so trieb es mich wieder nach ihnen zu tasten; vielleicht hatte ich mich vorher getäuscht. Selbst am Morgen, beim Kaffee hatte ich Angst, ihm in die Augen zu sehen. Wenn er auch unschuldig ist und nichts Böses im Sinn hat, wie leicht ist es möglich, daß der Gedanke sich aus meinem Kopf in seinen überträgt und in ihm haften bleibt! . . ,,Was ich einen ganzen Monat lang ausgestanden habe, das kann ich Ihnen nicht schildern. Ich hätte ihm zehn Sünden in der Küche verziehen, hätte ich nur Ruhe! Dazu kommt mir noch meine Alte mit Weinen und Klagen: ,Warum haben wir einen Meschumed ins Haus genommen? Wenn Gott es verbietet, Kinder zu haben, soll man nicht klüger sein wollen! Was kann der Kaddisch, den so einer sagt, wert sein?4 Es ist natürlich leicht gesagt: Pack' ihn beim Kragen und wirf ihn hinaus! Erstens ist er dein Adoptivsohn und zweitens geht es nicht so schnell mit dem Hinauswerfen. Ich müßte Gott danken, wenn er mich nicht hinauswirft, denn ich wußte: Wenn ich siebzig Jahre alt werde und nicht mehr bei Kräften bin und w7enn dann er das Regiment übernimmt, dann wird er mir zeigen, was er kann." „Und jetzt will ich Ihnen erzählen, wie ich ihn losgeworden bin, freilich nicht für immer, aber wenigstens für ein paar Jahre. Mit zweiundzwTanzig Jahren wurde er — zur Assentierung einberufen. Wie ist