Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Der Adoptivsohn
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 589 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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DER ADOPTIVSOHN 589 Tag zu Tag schlechter und schlechter, rührt keinen Finger, lungert herum, raucht feinen Tabak. Wenn er ins Bad geht, paßt es ihm nicht, wie ich, mit sechs Leuten zusammen zu gehen, nein, er muß allein eine Kabine haben; und dem Wärter gibt er mehr Trinkgeld als ich fürs Bad bezahle. Trägt eine Krawatte und einen steifen Kragen wie ein Gutsherr — und das alles für mein sauer erworbenes Geld!" „Nehmen wir an, er wäre nicht zu mir gekommen und wäre nicht bei mir geblieben und mich hätte nicht der Teufel geritten, ihn zu adoptieren, ja dann ginge er mich ebensoviel an wie der Schnee vom vorigen Jahr, ich hätte überhaupt keine Ahnung, daß ein solches Subjekt existiert; was wüßte ich von Ärger, noch dazu von solchem Arger?! Nun aber liegt die Sache so: er ist gekommen und ist geblieben und ich habe ihn nach allen Regeln der Kunst adoptiert und jetzt habe ich daran mein Leben lang zu tragen! Sie verstehen doch: Macht mir einer Pleite, wenn er so und so viel Jahre mit mir Gesctiäfte gemacht hat, und erklärt eines Tages: Ich zahle nicht! so verdrießt mich das natürlich gewaltig; denn ich bin kein Freund davon, daß man mir nicht zahlt, und ich lösche nicht gern mir nichts, dir nichts eine Post in den Büchern. Dann aber sage ich mir: Das ist nun einmal im Geschäftsleben so üblich und wenn man zehn Leuten kreditiert, kann einer auch einmal nicht zahlen. Mag er es für den Arzt ausgeben! Erledigt, man hat sich eben in den Finger geschnitten, es blutet ein wenig und heilt wieder zu! Aber ein solches Unglück kommt unsereinem ins Haus, man öffnet ihm selbst die Tür und meint noch, wer weiß, was da gekommen ist." ,,Und dann hat sich noch etwas ereignet, ich schäme mich, es Ihnen zu erzählen. Wir haben ein neues Dienstmädchen aufgenommen, ein ordentliches, anständiges Mädel. Sie bringt ihm den Tee; er schaut sie an, sie schaut ihn an, ich schaue sie beide an. Meine Frau sagt: ,Die beiden dürfen wir nicht allein lassen.' Ich sage nichts. Kurz und gut, Freitag bei Nacht — ich war schon zu Bett und schlief — kommt es meiner Frau vor, als ob jemand sich in der Kammer zu schaffen machte. Sie steht auf, geht im Hemd hinaus, will die Küchentür öffnen. Da kommt es ihr vor, als wisperten zwei Leute auf dem Herd; schwören könnte sie nicht darauf, aber sie sagt: Etwas ist los, das klingt nicht wie eine Stimme, sondern wie zwei. Auf dem Herd steht Freitag bei der Nacht der Scholet und auch das Mädel schläft dort... Da waren wir uns einig: Mit dem Burschen ist das eine üble Sache, W7äre es der eigene Sohn, so könnte man so etwas sicher nicht erleben; denn den eigenen Sohn erzieht man von Kindheit an und irrt