Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Der Adoptivsohn
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 588 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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588 MENORAH die Suppe eingebrockt hatte, war ich ein freier Mann und hatte vor niemandem Angst; jetzt muß ich zu jedermann freundlich und liebenswürdig sein, denn selbstverständlich weiß ganz Ladyschin, daß ich niemals einen Sohn hatte, und niemand kann sich daran erinnern, daß es einmal bei mir eine Beschneidung gegeben hätte. Vor dem Polizeileiter hieß es, er sei mein Neffe, und dafür bekam der Polizeileiter an jedem Neujahr von mir einen Hut Zucker und ein Pfund Tee; so hatte ich mich selbst besteuert." „Und mein Sohn, der fühlt sich sehr wohl bei mir; leere Schränke gibt es, Gott sei Dank, bei mir nicht und in der eisernen Kasse, die mit zehn Schlössern gesichert ist, liegt auch einiges. .. Natürlich muß ich ihn ausstatten, wie es sich für den Sohn eines reichen Mannes gehört . .. Jetzt hat er auf einmal Interesse für russische oder polnische Bücher; das ist nicht so schlimm, es wird sicher nicht schaden, wenn man mit einem Gutsbesitzer in seiner Sprache reden kann... Nur eines macht mir Sorge: er ist nicht mehr so fleißig im Abschreiben und Bücherführen; und eines Tages — ich mußte ihn den ganzen Tag bis in den späten Abend beschäftigen und war sicher, es würde ihm Freude machen — da sagt er mir: »Warum nimmst du dir keinen Buchhalter?' So eine Frechheit! Wäre ich sein Vater, ich hätte ihm eins heran terg eh aut! Aber sagen Sie selber: Kann man so einen Kerl prügeln? Sagen darf man ihm auch nichts und nach der Matrikel ist er ja doch mein Sohn! Beim Essen macht er auch schon Geschichten, er mag nur gutes Fleisch, und das reichlich. Und eines Tages habe ich beim Schankwirt Joel Deutsch zu tun, — was sehe ich? Mein Herr Sohn sitzt an einem gewöhnlichen Mittwoch in der Schenke vor einer Flasche Wein! Ich sage Ihnen — ich meinte, mich trifft der Schlag! Wie ich wieder nach Hause kam, habe ich mich mit meiner Frau auseinandergesetzt. Wir setzen uns noch immer auseinander. Sie hat mir gestanden und offen einbekannt, daß er anfängt, ihr nicht mehr zu gefallen. In letzter Zeit ist der Simon wie ausgewechselt. Eines Abends hat sie bemerkt, daß er nicht gebetet hat; er sagt, er habe gebetet. Sie verstehen doch, in diesen Dingen läßt sie, meine Alte, nicht mit sich spaßen — und ich auch nicht. Aber schließlich, ich bin kein Fanatiker und bei mir gilt der Grundsatz: Gott soll sich seiner Ehre selbst annehmen. Aber Verschwendung schadet dem Geschäft, und Wein, mitten in der Woche sich betrinken, noch dazu für Geld, für mein Geld! . . „Ich versuche es im Guten, ich versuche es im Bösen, meine Worte nützen genau so viel, wie Erbsen gegen eine Mauer; er wird von