Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1929-11-01 · Heft 11-12 (November 1929) · p. Seite 584

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 11-12 (November 1929)
Article
Im Exil
Date
1929-11-01
Page
Seite 584 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912891-2912899-2924391--08454-2924555
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

584 MENORAH Gut gelaunt, hatte WolkofT jedesmal dem Onkel versprochen mit seiner Frau darüber zu sprechen, doch wenn der Alte wegfuhr, war alles sofort vergessen. Er lebte glücklich und zufrieden mit seiner Frau und mit den zwei Kindern, Wanja und Petja, welche sie ihm geboren hatte, ging selbst in keine Kirche und sah keinen Unterschied zwischen sich und seiner Grisohenka. Im neunten Jahre seiner Ehe kamen die Bolschewiken nach Zaryzin. WolkolT, der wußte, sie würden alle Gelder der Bank beschlagnahmen, nahm so viel Geld, als er konnte, an sich und floh mit seiner Familie nach Sibirien und von dort nach Amerika. Gleich am Tage der Ankunft in New York kam es WolkolT zu vollem Bewußtsein, daß seine Frau Jüdin war. Sofort kamen ihre Tanten, Onkel und Vettern, gaben Ratschläge, sorgten und besorgten und ließen sie keinen Augenblick allein. Am nächsten Tag war die Vertraulichkeit bereits so groß, daß sie WolkofT überhaupt nicht beachteten; sie sprachen ihren Jargon und WolkofT schien es, als sprächen sie von ihm. Der Hausherr, welcher dem Ehepaar die Wohnung vermietet hatte, war ein russischer Jude, ein Arzt. WolkofT hoffte, er w7ürde sich mit dem Arzt befreunden können. Bald aber merkte er, daß der Doktor die üble Gewohnheit hatte, zu vergessen, daß WolkofT Russe war; er verstand kein Russisch und wenn er mit ihm englisch sprach, so vergaß er sich mitten im Gespräch und fiel in den jüdischen Jargon. Wolkoff merkte, daß seine Grischenka sich änderte; sie verstand, was man zu ihr sprach, begann selbst dann und wann Jiddisch zu sprechen und hatte geradezu Freude daran, als wären alle, lang vergessene Erinnerungen wieder in ihr erwacht. Er saß inmitten der fremden Leute still und stumm, wurde müde zu fragen, warum sie lachten, und fühlte sich überflüssig, ja lächerlich. Am meisten machten ihm die Kinder Sorge. Die Straße und die jüdischen Kameraden — dessen war WolkolT sicher — entfremdeten sie ihm gänzlich. Sie kamen zur Mutter und fragten sie, warum sie nicht beschnitten seien wie die Kinder der Tante Fanny. WolkofT fuhr bei solchen Gelegenheiten auf, warf seiner Frau vor, daß sie die Kinder verdarb, verbot ihnen zu den Tanten zu gehen, bereute es aber bald, blieb ratlos sitzen und tröstete sich mit dem Gedanken, heute oder morgen würde die Herrschaft der Bolschewiken zusammenbrechen; dann würde er nach Zaryzin zurückkehren und nicht in dem jüdischen New York bleiben, wo er den ganzen Tag in einem Reisebüro schuften mußte und knappe 100 Dollar monatlich verdiente;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.