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Menorah · 1929-11-01 · Heft 11-12 (November 1929) · p. 583

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 11-12 (November 1929)
Article
Im Exil
Date
1929-11-01
Page
583 (sequence 1)
Language
German
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IM EXIL Von I. Opatoschu WolkoiT erhob sich, trat einige Schritte zurück und betrachtete den Baum, den er eben geschmückt hatte. Beim Fenster stand die Tanne, mit bunten Girlanden und farbigen Kerzchen geschmückt. In Stanniol gewickelte Feigen und rauschgoldumhüllte Datteln glänzten zwischen den grünen Nadeln. Weiße Lämmchen mit roten Bändchen um den Hals blickten sanft von den Zweigen nieder, die sich unter der schweren Last bogen. Die Tanne stand in reichem Schmuck und bat geradezu, die Kerzen mögen entzündet werden, damit die Girlanden, die Feigen, Datteln und Lämmchen ihre vielen Farben, ihren Gold- und Silberglanz durch den Raum senden und ihn mit Freude erfüllen könnten. WolkoiT setzte sich in den Schaukelstuhl und betrachtete die Tanne: Schwere Wehmut kam über ihn und stieg immer höher, je länger er den Baum betrachtete. Außer Petja, seinem sechsjährigen Söhnchen, welches Walnüsse in Silberpapier wickelte, war niemand im Zimmer. WolkolTs Frau war mit dem älteren Knaben zu Bekannten gegangen, um sie samt ihren Kindern unter die Tanne zu laden. WolkoiT erklärte sich seine Wehmut aus der Werktagsstimmung, mit welcher er das Weihnachtsfest in New York beging, und auch damit, daß Juden bis in die späte Nacht bei ihm sitzen und Karten spielen würden; aber in seinem Innern sagte ihm etwas, daß er sich selbst täuschte, daß ihm etwas im Wege stand, wovon er sich befreien mußte. Aber sooft er seine Gedanken zusammennehmen und auf die Ursache seiner trüben Stimmung konzentrieren wollte, verschwamm alles und seine Trauer wurde noch größer. WolkoiT, der ehemalige Präsident der Don-Asow-Bank, lebte nun acht Jahre mit seiner Frau zusammen und hatte noch nie daran gedacht, daß sie Jüdin war. Sein Onkel, ein alter Gutsbesitzer, der ihn während dieser acht Jahre zweimal in seinem Wohnort Zaryzin besucht hatte, zählte jedesmal, wenn er schon über den Durst getrunken hatte, seinen Adel bis ins vierte und fünfte Glied auf, beteuerte, daß die WolkolTs die Stadt Zaryzin erbaut hätten, küßte gerührt seinen Neffen und endete seinen Speech jedesmal mit den gleichen Worten, die er WolkofT leise ins Ohr flüsterte: ,,Iljuscha, es ist Zeit, ans Seelenheil zu denken . .. Deine Frau ist sehr nett, wirklich sehr nett, aber daß sie unseren Glauben nicht annimmt, daß sie keine Rechtgläubige wird ..."

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