Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Jüdische Bevölkerungspolitik
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 579 (sequence 12)
- Language
- German
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JÜDISCHE BEVÖLKERUNGSPOLITIK 579 sparungen herbeizuführen, die für Zwecke der Bevölkerungspolitik besser verwertet werden können. Vor allem sollte bei jeder Neugründung von Vereinen und Anstalten erwogen werden, ob sie wirklich notwendig ist. Das gilt, wie bereits oben betont, von den jüdischen Eheberatungsstellen. Auch eine spezifisch jüdische Tuberkulosefürsorge halten wir nur soweit am Platze, als es sich um Anstaltspflege handelt. Die Forderung des Programms bezieht sich ausschließlich auf die quantitative Bevölkerungspolitik, die qualitative, eugenische, darf jedoch auch nicht völlig außer Betracht bleiben. Es handelt sich nicht nur allein um die Erzeugung von Menschen, sondern auch um eine solche eines möglichst hochwertigen Menschenmaterials. Auch von diesem Standpunkt aus darf die Beeinflussung der höheren jüdischen Stände, für welche materielle Beihilfen nicht in Frage kommen, nicht vernachlässigt werden. Auf der anderen Seite hat an der Fortpflanzung eines verkommenen jüdischen Proletariats — auch ein solches gibt es, glücklicherweise nur vereinzelt, in den Großstädten ■— das sich gerade durch einen großen Kinderreichtum auszeichnet, die jüdische Allgemeinheit kein Interesse. Die Bevölkerungspolitik entnimmt ihre Anregungen der Bevölkerungsstatistik, an deren Ergebnissen sie sich immer wieder orientieren muß. Die jüdische Statistik liegt leider zurzeit sehr im argen. Die früher ergiebig fließenden Quellen sind versiegt. Wenn man von der Statistik im allgemeinen behauptet, daß sie zu den in weiten Kreisen unbeliebtesten Wissenschaften gehört, so gilt dies in noch höherem Maße von der jüdischen Statistik. Und doch ist diese unentbehrlich für alle weiteren Maßnahmen der jüdischen Bevölkerungspolitik. Hier muß Wandel geschalten, das Interesse für die jüdische Statistik wieder geweckt werden, auch durch Gewährung von Geldmitteln, sonst tappt man im Dunkeln. Wahrnehmungen einzelner Personen werden verallgemeinert und die Dinge vielfach noch schlimmer dargestellt, als sie wirklich sind. So wird zum Beispiel behauptet, daß der Alkoholismus, die Geschlechtskrankheiten, der Morphinismus bei den Juden zugenommen hätten, ohne statistische Beweise dafür zu bringen. Die Zustände in den Großstädten, vor allem Berlin, werden unzutreffend auf die gesamte jüdische Bevölkerung übertragen. So hat man behauptet, daß die Zahl der Ehescheidungen bei den Juden, weil dies in Berlin der Fall ist, größer sei wie bei der allgemeinen Bevölkerung. Demgegenüber ist in Baden festgestellt worden, daß die Scheidungshäufigkeit bei den Juden geringer ist wie beiden anderen Konfessionen. Die jüdischen Großgemeinden müßten statistische Abteilungen