Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Jüdische Bevölkerungspolitik
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 578 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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578 MENORAH Es liegt außerhalb des Rahmens dieser Arbeit, das Mischehenproblem hier eingehend zu behandeln. Es sei auf meine zusammenfassende oben zitierte Arbeit verwiesen. Nur auf einen Gesichtspunkt soll hier hingewiesen werden. Mischehen werden viel häufiger als man glaubt deswegen geschlossen, weil dem jüdischen Teil die Gelegenheit fehlt, geeignete Ehepartner in seiner eigenen Religionsgemeinschaft zu finden. Jüdische Eheanbahnungsstellen, wie eine solche im vorigen Jahr in Frankfurt gegründet wurde, werden daher imstande sein, die Zahl der rein jüdischen Ehen zu vermehren. Daß die Maßnahmen der jüdischen Bevölkerungspolitik, wie das Programm verlangt, in gleicher Weise den unehelichen Kindern wie den ehelichen zugute kommen soll, und daß die Ostjuden nicht hinter den Einheimischen zurückgesetzt werden dürfen, wird die Zustimmung aller gerecht Denkenden finden. Als finanzieller Träger der Bevölkerungspolitik sind vor allem die jüdischen Gemeinden gedacht. Sie können aber nicht allein in Betracht kommen, weil sie sich vielfach in wirtschaftlicher Not befinden, der Steuerdruck schon oft die Grenze des Tragbaren erreicht, weil die Gemeinden stets fürchten müssen, daß sie bei Überspannung der steuerlichen Lasten gerade die zahlungskräftigen Mitglieder verlieren. Aber auf alle Fälle müssen die Gemeinden die Zentren der praktischen Bevölkerungspolitik werden und sie sollen sich in allen Fragen vorbildlich verhalten. Sie müssen, wie das Programm verlangt, in ihrer eigenen Gehalts- und Beamtenpolitlk die kinderreichen Familien und nicht, wie man bei St eilen aus Schreibungen noch vielfach mit größtem Befremden lesen kann, Ledige und Kinderlose bevorzugen. Mit Recht wird im Programm weiter darauf hingewiesen, daß die jüdische Bevölkerungspolitik sich die allgemeinen öffentlichen Leistungen der Versicherungsträger und Fürsorgeverbände voll nutzbar machen soll unter Ergänzung aus eigenen Mitteln in allen Fällen, in denen die genannten Stellen nicht ausreichen. Dieses Zusammenarbeiten halten wir für durchaus notwendig, wie denn das jüdische Fürsorgewesen und das jüdische Wohlfahrtswesen eine Rationalisierung und Verbilligung sehr wohl vertragen könnte. Durch das zerstreute Wohnen der deutschen Juden in mehr als dreitausend Orten werden die Kosten der jüdischen Wohlfahrtspflege ungeheuer verteuert. Wieviel zum Beispiel könnte an Kosten für Altersheime und Waisenhäuser erspart werden, wenn die 500.000 bis 600.000 deutschen Juden nicht zahllos zerstreut, sondern in einem Orte zusammen wohnen würden. Um so mehr ist es am Platze, durch eine strenge Rationalisierung Er-