Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Jüdische Bevölkerungspolitik
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 576 (sequence 9)
- Language
- German
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576 MENORAH Platz vorhanden sei, eine Wiege aufzustellen. Auch bei der Zunahme der Abortus spielt die Wohnungsnot sicherlich eine Rolle. Aber es ist zu bezweifeln, daß bei unseren Glaubensgenossen der Wohnungsfrage bei der Geburtenprevention eine so große Bedeutung zukommt wie bei der Allgemeinheit. Denn die Geburten haben bei ihnen schon abgenommen zu der Zeit, in welcher von einer Wohnungsnot im gegenwärtigen Sinne noch keine Rede war. Durch Untersuchungen in einigen Großstädten, zum Beispiel in Berlin und Köln, ist festgestellt worden, daß die Wohnungszustände bei den jüdischen Proletariern vielfach schlecht sind, und es ist dringend nötig, hier Abhilfe zu schaffen, nicht nur aus bevölkerungspolitischen, sondern auch aus hygienischen Gründen. Aber man muß sich doch dabei vor Verallgemeinerungen hüten und vor Augen halten, daß im Rahmen einer jüdischen Bevölkerungspolitik auf dem Wohnungsgebiet Abhilfe zu schaffen sehr schwierig ist. Soll man wirklich eine spezifisch jüdische Siedlungspolitik inaugurieren? Selbst, wenn die Mittel vorhanden wären, um jüdische Siedlungen in solchem Umfange zu schaffen, daß man dann alle in schlechten Wohnungen hausenden Juden in Berlin und Frankfurt a. M. unterbringen könnte, würde nicht damit die Gefahr verbunden sein, daß ein neues Ghetto entsteht? Uns scheint es zu genügen, wenn man den jüdischen Mittelstand, die jüdischen Angestellten, Beamten und Arbeiter auf den Wreg der Selbsthilfe verweist, daß man ihnen nahelegt, sich an den allgemeinen Siedlungen zu beteiligen, daß man ihnen, wenn nötig, von Fall zu Fall pekuniäre Unterstützung in Aussicht stellt. Auf alle Fälle ist es erforderlich, die schlechten Wohnungen möglichst zu sanieren, den ganz unzureichend Wohnenden, namentlich den kinderreichen Familien, mit Hilfe des Wohnungsamtes und anderer Behörden zu besseren Wohnungen zu verhelfen. Die wichtigste Forderung im bevölkerungspolitischen Programm des preußischen Landesverbandes ist die nach Gewährung besonderer Erzieh un g s b ei h i 1 f e n für jedes dritte und weitere Kind in Anerkennung der Mutterschaftsleistung als solcher. Dieses Verlangen ist durchaus folgerichtig. Wenn man auf dem Standpunkt steht, daß in vielen Fällen wirtschaftliche Notlage die Zeugung der für den Bestand des Judentums notwendigen Zahl von Kindern verhindert, dann muß man dieses ursächliche Moment beseitigen, dadurch, daß die Kosten der Kinderaufzucht von der jüdischen Allgemeinheit übernommen werden. Man hat hier die Summe von 500 Mark für jedes Kind genannt. Der jüdischen Gemeinde Berlin würden zum Beispiel dadurch jährlich eine Million Kosten erwachsen, eine Summe, die durchaus als