Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Jüdische Bevölkerungspolitik
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 575 (sequence 8)
- Language
- German
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JÜDISCHE ßEVÖLKERUNGSPOLITIK 575 Die Mehrzahl deutscher Juden gehört den begüterten und bemittelten Schichten an, und die Geburten haben bei letzteren ständig abgenommen, auch in den Zeiten, in welchen es ihnen wirtschaftlich sehr gut ging. Es hat den Anschein, daß der bevölkerungspolitische Ausschuß in seinem Programm auf diese soziale Schichtung der Juden und die dementsprechend verschiedenen Motive der Geburtenabnahme zu wenig Rücksicht genommen hat und daß er seine Vorschläge etwas zu stark auf die wirtschaftlichen Ursachen der Geburtenabnahme eingestellt hat. Der Appell an die höheren Schichten, das Verlangen nach geistiger Umstellung, ist mehr in der Diskussion zum Ausdruck gebracht worden. Im Programm selbst war kaum davon die Rede, außer etwa in dem Satze: Die Konferenz bejaht die Notwendigkeit des Zusammenwirkens aller im Judentum lebendigen religiösen, ethischen und wirtschaftlichen Ideen und Kräfte und ruft alle im Leben stehenden Männer und Frauen, vor allem die Rabbiner, die Lehrer, die Ärzte, die Gemeindevorstände, besonders auch die jüdische Jugend zur gemeinsamen Arbeit auf. Vielleicht hat man sich von vorneherein deswegen mehr darauf beschränkt, praktisch-soziale Maßnahmen vorzuschlagen, weil man sich von ihnen mehr Erfolg verspricht als von Wünschen mehr allgemeiner Natur, die eher an die Psyche der Glaubensgenossen gerichtet sind. Diese Fürsorgemaßnahmen werden als Maßnahmen einer gehobenen Sozialpolitik bezeichnet, womit zweierlei zum Ausdruck gebracht wird. Erstens, daß damit nichts grundsätzlich Neues geschaffen werden soll, zweitens, daß diese Maßnahmen in erster Linie den wirtschaftlich Schwachen zugute kommen sollen. Sie betreffen demnach, wenn wir auf die einzelnen Gebiete etwas näher eingehen, die Wohnungsfürsorge, die Arbeits- und Berufsfürsorge, den Muller-, Kinder- und Jugendschutz, endlich die Vermehrung der Zahl der Eheschließungen. Durch eine Reihe von Vorkehrungen der Fürsorge sollen also den Unbemittelten Erleichterungen und Zuwendungen geboten werden, welche ihnen die Aufzucht der Kinder erleichtern. An der Spitze der Forderungen hat man die nach einer weitgehenden Wohnungs- und Siedlungspolitik gestellt und dieses Problem hat in der Erörterung einen breiten Raum eingenommen. Nun soll gewiß nicht geleugnet werden, daß ein gewisser Zusammenhang zwischen Wohnungsnot und Geburtenabnahme besteht. Diese Dinge liegen ja auch so klar, daß darüber kein Wort zu verlieren ist. In tausenden und aber tausenden Fällen wird von den Eltern darauf hingewiesen, daß eine Erzeugung von Kindern nicht möglich ist, weil kein